Uni-Tübingen

G01: Platonismus und Christentum in der Spätantike. Literarische Strategien der Bedrohungskommunikation bei Porphyrios und Eusebios

Projektmitarbeiter*innen:
Joshua Shaw, M.A.
Doktorand

Fachgebiete: Klassische Philologie, Evangelische Theologie

Zu Beginn des 4. Jh. n. Chr. nehmen sich Platonismus und Christentum gegenseitig als Bedrohung wahr. Das Teilprojekt untersucht Texte, die wenige Jahre vor und wenige Jahre nach der ‚Konstantinischen Wende‘ verfassten worden sind. Sie sind Ausdruck eines Ringens um Deutungshoheit. Die Autoren streiten jedoch nicht nur über abstrakte, metaphysische Postulate, sondern nehmen konkrete Praktiken wie beispielsweise die Orakelbefragung, die Verehrung von Götterbildern oder die Opferpraxis in den Blick. Ziel des Teilprojekts ist es, zu zeigen, wie auf der einen Seite der Platoniker Porphyrios angesichts immer einflussreicheren Christen platonische Philosophie als umfassende Welt-, Wissens- und Lebensordnung neu konzeptualisiert. Er sieht sich durch das Auftreten der Christen gezwungen, traditionelle Praktiken neu zu erklären – Praktiken, die Christen ablehnen oder völlig anders interpretieren. In seinen Schriften sucht er Antworten auf Fragen wie: Warum werden Tiere geopfert? Warum werden Orakel befragt? Warum werden Götterbilder verehrt?
Auf der anderen Seite steht der christliche Theologen Eusebios im Zentrum. Dieser verfasste eine umfangreiche Schrift mit dem Titel Praeparatio evangelica. Er verfolgte zum einen das Ziel, eine Einführung in das Christentum zu geben. Zum anderen setzte er sich intensiv mit griechischen, nichtchristlichen Autoren auseinander, vor allem mit Porphyrios. Seine Schriften zitierte er am häufigsten. Das Teilprojekt untersucht, in welchem Zusammenhang Porphyrios’ Neuordnung (re-ordering) mit Eusebios’ Verteidigung des Christentums steht. Neben den polemischen Strategien gilt das Interesse besonders der Frage, inwiefern die jeweiligen literarischen Ordnungskonstruktionen sich gegenseitig beeinflussen.
In der ersten Förderphase standen zunächst die Fragmente von Porphyrios’ Schrift Contra Christianos im Mittelpunkt. Die Analyse dieser Kampfschrift gegen die Christen zeigte, wie Porphyrios bereits vor 304 n. Chr. seismographisch die Christen als Bedrohung wahrnahm. In der zweiten Förderphase lag der Fokus auf den religionsphilosophischen Schriften Über die Götterbilder (Περὶ ἀγαλμάτων) und Über die Orakelphilosophie (De philosophia ex oraculis haurienda), ferner auf der unter Eusebios’ Namen überlieferten Schrift Contra Hieroclem und Augustinus’ Porphyrios-Rezeption im zehnten Buch von Über den Gottesstaat (De civitate Dei). Die Untersuchung unter dem Gesichtspunkt der christlichen Bedrohung ergab, dass traditionelle Praktiken wie die Verehrung der Götterbilder oder die Orakelbefragung einer Neuinterpretation unterzogen wurden. Die Schriften sind daher Ausdruck einer literarischen Bewältigungspraxis.