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Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 3/2026: Studium und Lehre

Studiert Linguistik in Tübingen!

Die Videos von Jan Glima auf TikTok und Instagram haben Kultstatus

Dass ein Linguistik-Studium in Tübingen äußerst unterhaltsam sein kann, beweist Jan Thore Kirk alias Jan Glima regelmäßig mit seinen Videos auf TikTok und Instagram. Maximilian von Platen hat mit dem Influencer gesprochen, der seine Follower für Sprachwissenschaft begeistern will.

Jan, warum sollte man Linguistik in Tübingen studieren? 

In erster Linie, weil man sich dafür interessiert, weil man wissen will, wie Strukturen in der Sprache funktionieren – nicht nur, weil ich dafür in meinen Videos Werbung mache.

Dass ich am Ende meiner Videos immer dazu aufrufe, Linguistik in Tübingen zu studieren, hat sich zufällig so ergeben. Jetzt ist daraus eine Art Running Gag – oder wie Boomer sagen würden: „mein Markenzeichen“ – geworden.

Wie hat das angefangen mit diesen Videos über Linguistik?

Ich war von 2022 bis 2025 Hiwi für das Studienfach Germanistische Linguistik und habe auch Studienberatung gemacht. Ein Teil meiner Arbeit waren Infoveranstaltungen für den Studiengang, deren Bewerbung mit Postern und Flyern stellte sich allerdings als etwas mühselig heraus. Deswegen kam dann die Idee mit Social Media auf. Ich bin davor wenig auf Social Media unterwegs gewesen, habe das aber als Möglichkeit gesehen, mich im Rahmen meines Hiwijobs auszuprobieren. Meine Chefin Dr. Maria Averintseva-Klisch hat mir dabei dankenswerterweise alle Freiheiten gelassen.

Und wie bist Du überhaupt zur Linguistik gekommen?

Ich bin in Schleswig-Holstein zur Schule gegangen und habe im Gymnasium das sprachliche Profil belegt. Deutsch und Englisch waren meine Lieblingsfächer. Nach der Schule habe ich in Tübingen anfangs Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert. Im Laufe meines Studiums hat sich dann herauskristallisiert, dass mich in der Germanistik der Bereich Linguistik am meisten interessiert. Jetzt mache einen Doppelmaster, den Master of Education und den Master Germanistische Linguistik. Das ist viel Arbeit, aber ich interessiere mich für beide Fächer sehr. So profitiere ich nicht nur von den zwei Masterabschlüssen am Ende, sondern das Studium ist vor allem auch eine Bereicherung für mich persönlich.

Auf deinem TikTok-Kanal erklärst Du auf sehr unterhaltsame Weise abstrakte Fachtermini aus der Linguistik, etwa referenzielle Kohärenz oder Vorfeldkomma. Hast Du einen Favoriten unter diesen ganzen Begriffen?

Präsuppositionen gefallen mir aktuell ganz besonders. 

Bei Präsuppositionen geht es immer um Dinge, die vorausgesetzt werden. Ein klassischer Beispielsatz lautet: Die Bundeskanzlerin hat den König von Frankreich gestern getroffen. Es gibt eine bestimmte Bundeskanzlerin, und es gibt einen bestimmten König von Frankreich. Das sind Inhalte, die müssen stimmen, damit dieser Satz Sinn ergeben kann. Sie müssen aber gar nicht unbedingt wahr sein – denn momentan gibt es keine Bundeskanzlerin und keinen König von Frankreich. Trotzdem kann man den Satz verstehen. 

In der Rhetorik von Social-Media-Beiträgen, die gesellschaftliche Debatten stark beeinflussen, ist es charakteristisch, dass man Dinge kurz auf den Punkt bringt und gleichzeitig ganz viel unterschwellig mitklingen lässt. Bei dieser Verkürzung und Komprimierung fehlt aber häufig der Kontext, der die Dinge einordnet.

Nehmen wir zum Beispiel die Stadtbild-Debatte, ausgelöst durch den Satz von Friedrich Merz: „Wir haben immer noch dieses Problem im Stadtbild.“ Der Bundeskanzler hat nicht gesagt, was genau das Problem im Stadtbild ist. Aber es wird vorausgesetzt – präsupponiert –, dass es ein Problem gibt. Und dass es überhaupt ein Stadtbild gibt, in dem ein Problem stattfinden kann.

In der Konsequenz können sich die Menschen so selbst zusammenreimen, was gemeint sein könnte, je nachdem, wie sie politisch ausgerichtet sind: Was sehe ich denn persönlich als Problem im Stadtbild? – Man ist sich quasi sicher, Friedrich Merz meint genau das, was man persönlich denkt - ohne selbst besonders aktiv darüber zu reflektieren, was wirklich gemeint ist oder sein könnte. Dadurch kann man Menschen manipulieren und die Spaltung in einer Gesellschaft forcieren.

Wenn man so einen Begriff erst mal gelernt und verstanden hat, sieht man plötzlich überall nur noch Präsuppositionen. So etwas hilft mir persönlich, die Welt besser zu verstehen – ob Zeitungsartikel oder Social-Media-Video. Oder auch, was Politiker*innen mit dem, was sie sagen, eigentlich meinen.

Du erläuterst häufig Redewendungen in Deinen Vídeos, beispielsweise „mein lieber Herr Gesangsverein“, „das Leben ist kein Ponyhof“ oder das Wort „fei“…

Solche Begriffe, Dialektworte und Redewendungen sind einfacher rüberzubringen als linguistische Fachbegriffe, weil die Leute da direkt Anknüpfungspunkte haben. Jeder hat die schon irgendwo gehört. Mitunter existieren auch regionale Varianten wie bei Berliner, Krapfen oder Pfannkuchen - alle haben eine starke Meinung dazu und sind überzeugt, die eigene Variante ist die richtige.

Den Ausdruck „fei“ hatte ich als Norddeutscher gar nicht auf dem Schirm und musste ihn zunächst selbst verstehen, um ein Skript für ein Video schreiben zu können. Ein bisschen hatte ich die Befürchtung, dass mir nach Veröffentlichung des Videos lauter Süddeutsche auf die Finger klopfen, weil ich „ihr“ Wort nicht richtig verstanden habe.

Du arbeitest jetzt im Sonderforschungsbereich (SFB) Common Ground … Kannst Du den Begriff „Common Ground“ erklären, für Menschen, die nicht im SFB beschäftigt sind? 

Eine der Zielsetzungen des SFB 1718 ist es, eine gute Definition für Common Ground zu finden, denn es existieren für diesen Begriff verschiedene Definitionen aus verschiedenen Disziplinen.

Ich persönlich würde es so definieren: Der Common Ground sind die geteilten Annahmen und das geteilte Wissen – die Basis, auf deren Grundlage wir mit anderen Menschen ins Gespräch treten. Die Sachen, von denen wir beide wissen, dass wir sie wissen, die gemeinsamen Nenner.

Du machst auch Öffentlichkeitsarbeit für den SFB?

Wir wollen eigene Social-Media-Kanäle betreiben. Und wir haben gerade unseren eigenen wissenschaftskommunikativen Podcast „Grund zur Annahme“ gelauncht. Das Konzept sieht vor, dass in jeder Folge unterschiedliche Gäste eingeladen werden, die aus völlig verschiedenen Bereichen kommen - mit unterschiedlichen Berufen und ganz unterschiedlichem gesellschaftlichem Hintergrund. Wir reden im Podcast mit ihnen darüber, wie ihre Gruppen aufgebaut sind und wie der Common Ground in ihren jeweiligen Gruppen hergestellt wird. Aber auch darüber, wo sie einen Common Ground haben mit Leuten, die nicht Teil ihrer Gruppe sind.

Wie viel Zeit verbringst du im Schnitt pro Tag mit Social Media?

Ich mache das in meiner Freizeit und nicht während meiner Arbeitszeit, deswegen variiert das sehr stark. Im Februar habe ich versucht, jeden Tag ein Video auf TikTok rauszubringen, das waren im Schnitt drei Stunden pro Tag, wenn nicht sogar mehr: recherchieren, Skript schreiben, drehen, schneiden etc. Ansonsten hängt das davon ab, wie produktiv bzw. kreativ ich gerade bin – an manchen Tagen kriege ich auch gar nichts zustande.

Was motiviert Dich, Videos für Social Media zu machen?

Mir macht es sehr viel Spaß, linguistische Themen witzig rüberzubringen, so dass Leute sich tatsächlich dafür interessieren und meine Videos Aufmerksamkeit von Menschen bekommen, die sonst nie auf die Idee kommen würden, sich mit sprachwissenschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Sie müssen auch nicht den kompletten Hintergrund verstehen, den ich in durchschnittlich 90 Sekunden herunterbreche. Aber sie sollen das Interesse und die Begeisterung für das Thema Sprachwissenschaft verstehen und dass Sprache generell etwas ist, das sich lohnt, genauer zu untersuchen und differenziert zu betrachten.

Dein Künstlername auf Social Media ist Jan Glima. Hat der eine bestimmte Bedeutung? 

Das sollte gar kein Künstlername sein - und hat übrigens auch gar nichts mit der gleichnamigen isländischen Variante des Freistilringens  zu tun. Nein, Glima ist einfach nur die Abkürzung des Studiengangs im Modulhandbuch „Germanistische Linguistik, Master of Arts“. Zuerst hieß der TikTok-Account deswegen Glima Tübingen, weil es – inoffizielle - Werbung für den Studiengang war. Später habe ich das personalisiert auf Jan Glima, damit nicht der Eindruck entsteht, dass es sich um eine offizielle Uni-Instanz handelt.

Du machst auch einen Podcast namens ‚Schalldings‘ zur Fernsehserie Doctor Who. Was bieten dir solche Serien als Linguist? 

Ich habe ein Faible für Sprache und entdecke deswegen überall irgendwelche linguistischen Sachen. Aber in erster Linie schaue ich die Serie, weil ich sie selbst gut finde, und ich bewege mich viel in entsprechenden Fandom Spaces.

Die Serie ist eine unglaublich tiefe Welt mit viel Geschichte, sowohl hinsichtlich der erzählten Welt als auch der Produktionsbedingungen damals. Wie sahen etwa die Kameras und Studios in den Sechzigern im Vergleich zu heute aus? Mich fasziniert, was Serien für einen popkulturellen Einfluss haben, wie ihre Fangemeinden aufgebaut sind. Oder auch, wie die Personen in solchen Fangemeinden miteinander sprechen über den Common Ground, den sie haben, weil sie alle Fans einer Serie sind.

Spannend ist auch, wie rechte „Grifter“, also Influencer bzw. politische Kommentatoren, sich in den letzten Jahren im Internet immer mehr Gehör verschaffen, indem sie laut darüber schimpfen, wie woke heute alles sei. Sie kritisieren gezielt Medien und Serien dafür, dass dort Frauen die Hauptrolle spielen oder dass People of Color mitspielen. Diese Grifter bekommen unglaublich viel Aufmerksamkeit dadurch, wie das Internet funktioniert. Das hat wiederum einen Einfluss auf die Fankultur, das ist ein spannendes Feld.

Eines deiner erfolgreichsten Videos ist eine Art Hommage an den Schiebeparkplatz in der Wilhelmstraße - eine Tübinger Legende, die es jetzt seit anderthalb Jahren nicht mehr gibt…

Natürlich trauere ich dem Schiebparkplatz hinterher. Zur Erläuterung für die jüngeren Leserinnen und Leser: Das Prinzip Schiebeparkplatz erlaubte es, parkende Autos in zweiter Reihe oder Mittelgängen wegzuschieben. Um dies zu ermöglichen, durfte kein Gang eingelegt und die Handbremse nicht angezogen sein. 

Etwa ein Jahr bevor ich mit TikTok gestartet bin, habe ich angefangen, dort zu parken – und ein knappes Jahr später war er bereits Geschichte… Aber eines meiner ersten Videos habe ich dort gemacht, das ist gleich viral gegangen und hat mittlerweile über 650.000 Klicks erzielt. Danach haben sich mehrere Fernsehteams bei mir gemeldet und jetzt gibt es zwei TV-Beiträge zum Schiebeparkplatz, in denen ich vorkomme.  

Es sind tatsächlich oftmals Beiträge, für die man sich gar nicht so viel Mühe gibt, die erfolgreich sind. Auf jeden Fall hat meine Internetkarriere durch den Schiebeparkplatz einen Schub bekommen – übrigens ein Running Gag im Common Ground der Leute, die meine Videos gucken.

Stichwort Internetkarriere: Kannst du mit Deinen Videos schon Geld verdienen? 

Ich verdiene auf TikTok ein bisschen Geld, auf Instagram nicht. TikTok bietet die Möglichkeit, dass man in das Creator-Rewards-Programm aufgenommen wird, sobald man mindestens 10.000 Follower hat. Ab diesem Zeitpunkt kriegt man für jedes Video, das gewisse Kriterien erfüllt, einen bestimmten Geldbetrag. 

Wichtig ist vor allem, dass die Videos über eine Minute lang sind. Deswegen „strecken“ viele Influencer ihre Videos auf über eine Minute, selbst wenn sie wenig zu sagen haben. Weitere Kriterien sind, dass das Video echten eigenen Content und eine möglichst hohe Qualität hat.

Im Februar 2026 habe ich versucht, jeden Tag ein Video zu produzieren, das war mein bislang lukrativster Monat. Zum Leben reicht es aber noch nicht, und in allen anderen Monaten habe ich durchschnittlich weniger als 100 Euro mit TikTok verdient.

Ich weiß auch nicht, ob irgendein Werbepartner daran interessiert wäre, mit einem Linguistik-Influencer zusammenzuarbeiten - außer vielleicht der Duden. Aber ich will meine Videos weiterhin in erster Linie machen, weil ich Spaß daran habe.

Was sind deine Pläne, falls es doch nicht mit einer Karriere als Influencer klappt?

Natürlich ist es ein Traum, dass man – jenseits der realen Arbeitswelt - spaßige Videos für das Internet machen und damit Geld verdienen kann. Aber selbst auf dem Level, auf dem ich mich gerade befinde, merke ich, wie unglaublich arbeitsintensiv es ist, diese Videos zu machen. Ansonsten könnte ich mir gut eine Promotion und die Fortsetzung meiner wissenschaftlichen Karriere an der Universität vorstellen.

Gibt es noch etwas, was du gerne loswerden willst?

Ja: Leute, studiert auf jeden Fall Linguistik in Tübingen! Vordergründig ist das nur ein Running Gag in meinen Videos. Aber dahinter steckt auch die Botschaft: Beschäftigt euch mit Sprache, denkt genauer über die Sachen nach, die ihr im Alltag hört – weil es möglich ist und weil es sich oft lohnt. Das ist wichtig, um die Welt besser zu durchdringen und um politische Reden besser einordnen zu können. Nur so könnt ihr verstehen, wie etwas formuliert ist, was vielleicht die Absichten dahinter sind und was durch Sprache alles transportiert wird.

Links

Jan Glima auf TikTok: https://www.tiktok.com/@jan.glima

Jan Glima auf Instagram: https://www.instagram.com/jan.glima/

Podcast „Grund zur Annahme“ des SFB Common Grounds: https://open.spotify.com/show/033KRiJSf53MOeEixob4zX 


Video „In welchen Dialektregionen sagt man ›Vesper‹ und was meint man damit?“ (YouTube)

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