Wie viel Zeit verbringst du im Schnitt pro Tag mit Social Media?
Ich mache das in meiner Freizeit und nicht während meiner Arbeitszeit, deswegen variiert das sehr stark. Im Februar habe ich versucht, jeden Tag ein Video auf TikTok rauszubringen, das waren im Schnitt drei Stunden pro Tag, wenn nicht sogar mehr: recherchieren, Skript schreiben, drehen, schneiden etc. Ansonsten hängt das davon ab, wie produktiv bzw. kreativ ich gerade bin – an manchen Tagen kriege ich auch gar nichts zustande.
Was motiviert Dich, Videos für Social Media zu machen?
Mir macht es sehr viel Spaß, linguistische Themen witzig rüberzubringen, so dass Leute sich tatsächlich dafür interessieren und meine Videos Aufmerksamkeit von Menschen bekommen, die sonst nie auf die Idee kommen würden, sich mit sprachwissenschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Sie müssen auch nicht den kompletten Hintergrund verstehen, den ich in durchschnittlich 90 Sekunden herunterbreche. Aber sie sollen das Interesse und die Begeisterung für das Thema Sprachwissenschaft verstehen und dass Sprache generell etwas ist, das sich lohnt, genauer zu untersuchen und differenziert zu betrachten.
Dein Künstlername auf Social Media ist Jan Glima. Hat der eine bestimmte Bedeutung?
Das sollte gar kein Künstlername sein - und hat übrigens auch gar nichts mit der gleichnamigen isländischen Variante des Freistilringens zu tun. Nein, Glima ist einfach nur die Abkürzung des Studiengangs im Modulhandbuch „Germanistische Linguistik, Master of Arts“. Zuerst hieß der TikTok-Account deswegen Glima Tübingen, weil es – inoffizielle - Werbung für den Studiengang war. Später habe ich das personalisiert auf Jan Glima, damit nicht der Eindruck entsteht, dass es sich um eine offizielle Uni-Instanz handelt.
Du machst auch einen Podcast namens ‚Schalldings‘ zur Fernsehserie Doctor Who. Was bieten dir solche Serien als Linguist?
Ich habe ein Faible für Sprache und entdecke deswegen überall irgendwelche linguistischen Sachen. Aber in erster Linie schaue ich die Serie, weil ich sie selbst gut finde, und ich bewege mich viel in entsprechenden Fandom Spaces.
Die Serie ist eine unglaublich tiefe Welt mit viel Geschichte, sowohl hinsichtlich der erzählten Welt als auch der Produktionsbedingungen damals. Wie sahen etwa die Kameras und Studios in den Sechzigern im Vergleich zu heute aus? Mich fasziniert, was Serien für einen popkulturellen Einfluss haben, wie ihre Fangemeinden aufgebaut sind. Oder auch, wie die Personen in solchen Fangemeinden miteinander sprechen über den Common Ground, den sie haben, weil sie alle Fans einer Serie sind.
Spannend ist auch, wie rechte „Grifter“, also Influencer bzw. politische Kommentatoren, sich in den letzten Jahren im Internet immer mehr Gehör verschaffen, indem sie laut darüber schimpfen, wie woke heute alles sei. Sie kritisieren gezielt Medien und Serien dafür, dass dort Frauen die Hauptrolle spielen oder dass People of Color mitspielen. Diese Grifter bekommen unglaublich viel Aufmerksamkeit dadurch, wie das Internet funktioniert. Das hat wiederum einen Einfluss auf die Fankultur, das ist ein spannendes Feld.
Eines deiner erfolgreichsten Videos ist eine Art Hommage an den Schiebeparkplatz in der Wilhelmstraße - eine Tübinger Legende, die es jetzt seit anderthalb Jahren nicht mehr gibt…
Natürlich trauere ich dem Schiebparkplatz hinterher. Zur Erläuterung für die jüngeren Leserinnen und Leser: Das Prinzip Schiebeparkplatz erlaubte es, parkende Autos in zweiter Reihe oder Mittelgängen wegzuschieben. Um dies zu ermöglichen, durfte kein Gang eingelegt und die Handbremse nicht angezogen sein.
Etwa ein Jahr bevor ich mit TikTok gestartet bin, habe ich angefangen, dort zu parken – und ein knappes Jahr später war er bereits Geschichte… Aber eines meiner ersten Videos habe ich dort gemacht, das ist gleich viral gegangen und hat mittlerweile über 650.000 Klicks erzielt. Danach haben sich mehrere Fernsehteams bei mir gemeldet und jetzt gibt es zwei TV-Beiträge zum Schiebeparkplatz, in denen ich vorkomme.
Es sind tatsächlich oftmals Beiträge, für die man sich gar nicht so viel Mühe gibt, die erfolgreich sind. Auf jeden Fall hat meine Internetkarriere durch den Schiebeparkplatz einen Schub bekommen – übrigens ein Running Gag im Common Ground der Leute, die meine Videos gucken.
Stichwort Internetkarriere: Kannst du mit Deinen Videos schon Geld verdienen?
Ich verdiene auf TikTok ein bisschen Geld, auf Instagram nicht. TikTok bietet die Möglichkeit, dass man in das Creator-Rewards-Programm aufgenommen wird, sobald man mindestens 10.000 Follower hat. Ab diesem Zeitpunkt kriegt man für jedes Video, das gewisse Kriterien erfüllt, einen bestimmten Geldbetrag.
Wichtig ist vor allem, dass die Videos über eine Minute lang sind. Deswegen „strecken“ viele Influencer ihre Videos auf über eine Minute, selbst wenn sie wenig zu sagen haben. Weitere Kriterien sind, dass das Video echten eigenen Content und eine möglichst hohe Qualität hat.
Im Februar 2026 habe ich versucht, jeden Tag ein Video zu produzieren, das war mein bislang lukrativster Monat. Zum Leben reicht es aber noch nicht, und in allen anderen Monaten habe ich durchschnittlich weniger als 100 Euro mit TikTok verdient.
Ich weiß auch nicht, ob irgendein Werbepartner daran interessiert wäre, mit einem Linguistik-Influencer zusammenzuarbeiten - außer vielleicht der Duden. Aber ich will meine Videos weiterhin in erster Linie machen, weil ich Spaß daran habe.
Was sind deine Pläne, falls es doch nicht mit einer Karriere als Influencer klappt?
Natürlich ist es ein Traum, dass man – jenseits der realen Arbeitswelt - spaßige Videos für das Internet machen und damit Geld verdienen kann. Aber selbst auf dem Level, auf dem ich mich gerade befinde, merke ich, wie unglaublich arbeitsintensiv es ist, diese Videos zu machen. Ansonsten könnte ich mir gut eine Promotion und die Fortsetzung meiner wissenschaftlichen Karriere an der Universität vorstellen.
Gibt es noch etwas, was du gerne loswerden willst?
Ja: Leute, studiert auf jeden Fall Linguistik in Tübingen! Vordergründig ist das nur ein Running Gag in meinen Videos. Aber dahinter steckt auch die Botschaft: Beschäftigt euch mit Sprache, denkt genauer über die Sachen nach, die ihr im Alltag hört – weil es möglich ist und weil es sich oft lohnt. Das ist wichtig, um die Welt besser zu durchdringen und um politische Reden besser einordnen zu können. Nur so könnt ihr verstehen, wie etwas formuliert ist, was vielleicht die Absichten dahinter sind und was durch Sprache alles transportiert wird.