Uni-Tübingen

Frühlingsstipendiat*innen Türmer 2026

Das kleine Schreibtisch-Stipendium läd weiterhin Schreibende ein, in ruhiger Umgebung mit Grün, Reben, Ranken, Beeren, Blick (in Neckartal und Ammertal), Inspiration und Goethes Geist(ern) ein ganzes Wochenende lang ungestört zu arbeiten. Plakat von Martha Sappler


Stipendiat*innen 2026

Lea Jane Schneider (geb.1998 in Heilbronn) studiert Anglistik und Philosophie in Tübingen. Ihr Interessengebiet liegt bei den Verhältnissen zwischen Menschen und ihren Nicht-Menschlichen Nachbarn. Ansonsten beschäftigt sie sich damit, Lyrik wieder mehr in den menschlichen Alltag zu integrieren. Für ihr Langzeitprojekt „Gedicht nach Maß“ schreibt sie Straßengedichte für Fremde. Obendrein gibt sie Workshops zu queerer erotischer Lyrik und sucht unkonventionelle Wege, Gedichte unter die Menschen zu bringen. Ihr digitaler Garten findet sich unter https://mycelialisms.com   

Wir bedanken uns herzlich für die Textgabe!

Die Stadt scheut sich  
über den Zaun zu klettern.  
Es hält sie ein Zauber in Schach  
dessen Kraft in alle Acht 
Himmelsrichtungen strömt  
und die Gäste zu Tage ruft.

Nach Zeit hier draußen brodelt die Sicht.  
Sucht Muster von Wurzeln
und Wusel und Weben 
im Asphalt dort drüben.

Und alles hier sieht so berührbar aus
   so tastbar,
        riechbar,
        schmeckbar,
        spürbar.

Hier windet sich etwas in mir zufrieden 
und schmiegt sich in die Stämme.
Das ist kein Ort, das ist ein Geist  
und alles künstlich gepflanzte
trägt doch wildes in sich.


Lavinia Munteanu hat Architektur in Stuttgart studiert, sie ist als bildende Künstlerin tätig und promoviert im Bereich Architekturtheorie an der Technischen Universität Graz. Ihre Dissertation untersucht, wie sich räumliche Konzepte im Laufe der Zeit entwickeln und mit utopischen Strömungen sowie totalitären Systemen verschmelzen. L hat an verschiedenen Kunst Ausstellungen in Deutschland und im Ausland teilgenommen. Ihre interdisziplinäre Forschung stützt sich sowohl auf historisches Wissen als auch auf ihre künstlerische Praxis. Inspirationsquellen, die von mittelalterlicher Literatur und Ikonographie bis hin zur Anthropologie reichen, durchlaufen in einem langsamen Prozess verschiedene Phasen, bis sie zu Serien von Zeichnungen, Fotografien, Performances, Gedichte oder Essays werden.
Vielen Dank an Lavinia Munteanu für ihre Zeichnung, die im Garten entstanden ist! 


Astrid Stähler, gebürtige West-Berlinerin, arbeitete als Finanzberaterin und Übersetzerin und lebte viele Jahre auf der neuseeländischen Südinsel. Zurück in Deutschland entdeckte sie das Schreiben für sich. Im Frühjahr 2023 gründete sie den Autorensalon Tübingen und veranstaltet Salon-Lesungen. Bisher veröffentlichte sie Kurzgeschichten und Lyrik; ihr erster Roman »Suchbewegungen« erschien im November 2023.

Textspende von Astrid Stähler, vielen Dank!

erste lektion
hörst du ich habe ein loch in die erde gegraben und die ameisen hineinfallen lassen sie kamen in scharen verschwanden im loch ich hatte nicht gefragt ich hatte mich unter die Hecke gelegt und die rufe nach mir überhört sie wollten mich trösten aber ich wusste schon bescheid ich konnte das rätsel nicht lösen es war für vierjährige ich war fünf würde noch etwas aus mir werden mit diesen angeschlagenen flügeln da war sie die ameisenkönigin ich erkannte sie an den flügeln auch sie – ins loch - was nützt es königin zu sein

zweite lektion
du bist besser du kommst zuerst du hörst du mir zu erst kommst du dann hör doch eine ganze zeitlang nichts dann ein zaun eine mauer ein misthaufen hörst du noch zu eine wüste eine mondlandschaft ein meer ein knast ein hör doch und dann irgendwann ja dann hör zu dann kommen die anderen so wichtig bist du für mich aber du hörst ja gar nicht zu

dritte lektion
ich muss lauter werden etwas tun das auffällt dabei fallen andere auf ohne etwas zu tun warum nicht ich ich verstehe dass man niedlich sein muss langes haar und kurzer rock ich habe nur die kleider die oma näht und die ich liebe sie stickt mir auch eine kirsche an den Halsausschnitt ich liebe kirschen und oma sie hat immer die stecknadeln im mund wenn ich so viele fragen habe oma erzähl mir erzähl doch von damals die heimat die heimat sagt sie jetzt und ihre augen füllen sich mit tränen

vierte lektion
ich will sportlich sein und schlank hoch springen können schnell laufen aber es klappt nicht ich kann auch keinen handstand ohne hilfestellung die lehrerin besieht sich meine handgelenke zu dünn zu schwach findet sie lass es sein immer dieser körper immer fehlt was oder ist zu viel ich versuche ihn zu zwingen aber er lässt es nicht zu netter versuch sagt er

Astrid Stähler, Mai 2026.