Empirische Kulturwissenschaft
Die Empirische Kulturwissenschaft (EKW) versteht Kultur als das permanente kreative Aushandeln der Regeln, nach denen Menschen, Gruppen und Gesellschaften zusammenleben, sich voneinander abgrenzen und sich verständigen. Die EKW erforscht, wie Menschen arbeiten und ihren Alltag organisieren, wie sie mit dem natürlichen und kulturellen Erbe umgehen und welches Bild sie sich von diesen Beziehungen selbst machen. Mit empirischen Methoden und Arbeitstechniken, wie beispielsweise Interviews, wird das Selbstverständliche, das Gewohnte und das Routinisierte hinterfragt und theoriebezogen bearbeitet. Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern steht eine vielseitige Berufswelt offen in Bereichen wie Museums- und Archivarbeit, Kulturinstitutionen und -management, Öffentlichkeitsarbeit, Marktforschung, Bildungsarbeit, Journalismus oder Wissenschaft.
Veranstaltungen vor Ort im Sommersemester 2026
Die Veranstaltungen können während des ganzen Semesters besucht werden (Mitte April bis Mitte Juli 2026)
Dienstag, 10.00 - 12.00 Uhr: Einführung in die Kulturgeschichte des Alltags
Diese Veranstaltung im Vorlesungsverzeichnis
Donnerstag, 10.00 - 12.00 Uhr: Kultur und Gesellschaft
Diese Veranstaltung im Vorlesungsverzeichnis
BW² – Beispielaufgaben aus dem Studium
Empirische Kulturwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen
Auf der Plattform BW² – Beispielaufgaben aus dem Studium finden Sie zahlreiche Aufgaben zu Studiengängen, in denen Sie Ihren ersten Hochschulabschluss erwerben können. Erproben Sie, wie gut Sie sich in der Empirischen Kulturwissenschaft bereits auskennen und ob Sie sich für die Materie begeistern können.
Hier gelangen Sie zur Einstiegsseite mit grundlegenden Informationen. Im nächsten Schritt geht es zu den Beispielaufgaben. Die Inhalte sind so ausgewählt, dass Sie einen Einblick in wesentliche Themenbereiche und Methoden des jeweiligen Studiengangs erhalten. Zur Lösung der einzelnen Aufgaben bekommen Sie ein Feedback oder weiterführende Erklärungen. Die Aufgaben können Sie so oft ausprobieren, wie Sie möchten. Es ist keine Registrierung erforderlich.
hochschulreif. Der Tübinger Podcast zur Studienwahl
Folge #07: Empirische Kulturwissenschaft
Was ist Kultur und wie kann man sie wissenschaftlich untersuchen? Wie gelingt der Blick hinter unseren Alltag? Welchen Beitrag kann die Kulturwissenschaft für eine moderne Gesellschaft leisten? Und wo arbeiten Kulturwissenschaftlerinnen ganz konkret? Diese und viele weitere Fragen rund ums Studium der Empirischen Kulturwissenschaft beantwortet Dr. Gesa Ingendahl in unserer siebten Folge von „hochschulreif“. Und auch Tübinger Studierende verraten, was ihnen am besten am Fach gefällt und wie ihre Berufswünsche aussehen.
Podcast hören
Dr. Gesa Ingendahl (G. I.): Schönen guten Morgen, Frau Becker!
A. B.: Ich freue mich sehr, dass Sie heute da sind. Ich würde sagen, wir steigen mit der Frage ein, die wir im Vorfeld immer an die Studierenden richten, nämlich mit der Frage, warum deren Studienwahl auf die Empirische Kulturwissenschaft gefallen ist.
Persönliche Motivation (00:53)
Studi 1: Ich habe mich für das Fach entschieden, weil ich es unglaublich spannend finde, unser gesellschaftliches Zusammenleben, unseren Alltag, der uns so selbstverständlich erscheint, aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu hinterfragen.
Studi 2: Ich habe mich für die Empirische Kulturwissenschaft als Studiengang entschieden, da ich mich schon immer sehr für Themen wie Mode, Musik oder Subkulturen interessiert habe und was das mit uns als Gesellschaft macht.
Studi 3: Ich bin eher zufällig zu dem Studienfach gekommen. Ich brauchte zu Beginn meines Studiums noch ein Nebenfach und war dann das erste Semester über erstmal irritiert. Ich habe dann aber im zweiten Semester gemerkt, dass diese Irritation eine totale Bereicherung für mein Weltbild ist und mich dann entschieden, die EKW ins Hauptfach zu nehmen.
Studi 4: Entschieden habe ich mich für das Fach, weil das Fach, als ich es am Studieninfotag kennengelernt habe, spannend klang. Ich konnte mir aber nicht so viel darunter vorstellen. Ich war dann so neugierig, dass ich wissen wollte, was genau sich dahinter verbirgt.
Studi 5: Ich habe mir nach dem Abi echt lange überlegt, was ich machen soll, und habe erstmal einen Freiwilligendienst gemacht und gemerkt, meine Interessen sind breit gefächert. Da ist die Kulturwissenschaft perfekt als ein Fach, das den Alltag untersucht.
A. B.: Wir haben ganz unterschiedliche Motivationen gehört. Frau Ingendahl, mit welcher Vorstellung kommen denn die meisten Erstsemesterstudierenden Ihrer Erfahrung nach in das Fach und wird das dann in der Regel eingelöst oder eher gebrochen?
G. I.: „In der Regel“ und „die meisten“, das ist schon der Punkt, wo es eigentlich keine Regeln und die meisten gibt. Die Zugänge zur EKW – EKW heißt Empirische Kulturwissenschaft, ich werde wahrscheinlich in dem Gespräch öfters EKW sagen, das ist die gängige Abkürzung – sind fast so vielfältig wie das, was man dann damit machen kann. Klar gibt es die Vorstellung, das ist irgendetwas mit Kultur. Oder es gibt auch schon den Wunsch, dass es ein Studienfach ist, in dem man Kulturmanagementtechniken erlernt. Der häufigste Wunsch, warum man zur EKW kommt, ist tatsächlich, weil Wörter wie Kultur, Alltag und Diversität eine ganz große Rolle spielen, aber in der Regel noch nicht genau gewusst und verstanden wird, wie das denn jetzt wissenschaftlich erforscht werden kann.
A. B.: Was sind denn Fragen, die man sich aus ihrer Sicht stellen sollte, bevor man sich für das Studium entscheidet? Also gibt es da etwas, was man für sich klären sollte?
G. I.: Nein. Also das Fach EKW ist ein Fach, in dem man neugierig sein sollte. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Und zwar neugierig sein auf etwas, von dem man noch keine Ahnung hat, was es sein kann. Offen sein ist auch von Bedeutung. Wenn man dann ein bisschen verstanden hat, was Alltag überhaupt ist, nämlich Alltag als Gewohnheiten, als Routinen, als das, worüber man im Normalfall überhaupt gar nicht nachdenkt. Und wenn man versteht, dass man dazu forschen und studieren kann, dann ist das, glaube ich, die größte Überwindung oder die größte Hürde. Wie wichtig Alltag und das Selbstverständliche ist, das haben wir während Corona massiv gemerkt, weil das eine Einschränkung, eine Veränderung war, die tief in unseren Alltag eingegriffen hat. Zum Beispiel, dass man alles nur noch digital machen musste und dann bei sich erst mal im Körper gemerkt hat, wie wichtig es ist, tatsächlich körperlich miteinander in einem Raum zu sitzen. Wie jetzt auch. Ja, das merke ich immer noch.
A. B.: Ja, das ist korrekt. Wir sitzen immer noch in getrennten Räumen. Das heißt, das ist natürlich anders, als wirklich eins zu eins gegenüber miteinander zu sprechen. Für uns auch. Da sind wir mit dieser Situation mitten in der Empirischen Kulturwissenschaft, wie ich schon höre. Wie ist es denn bei Ihnen gewesen, wie kamen Sie denn zur Empirischen Kulturwissenschaft?
G. I.: Ich gehöre zu denen, die Quereinsteiger:innen sind. Das gibt es bei uns sehr häufig. Dadurch, dass wir kein Schulfach sind, kennen viele Leute das Fach nicht, wenn sie anfangen zu studieren. Und bei mir war es auch so, dass ich nach der Schule meine zwei Leistungskurse studieren wollte, Geschichte und Französisch. Dann habe ich schnell gemerkt, dass das Fach Französisch für mich nicht in Frage kam, war dann bei der Studienfachberatung und die haben mich gefragt, was mich denn so interessiert. Dann habe ich gesagt: „Naja alles, was mit Alltag zu tun hat und mit Vergangenheit und wie das überhaupt dazu kommt, dass wir heute so einen Alltag haben, wie wir ihn haben”. Ich war damals in Münster, da hieß das Fach Empirische Kulturwissenschaft noch Volkskunde. Und die haben gesagt: „Dann gehen Sie doch mal zur Volkskunde“. Das war der Anfang einer großen Liebe, die mich nach Tübingen geführt hat, ans Ludwig-Uhland-Institut, was damals und auch heute noch einen guten Ruf in unserer Fächerlandschaft hat. Unser Fach heißt Empirische Kulturwissenschaft hier in Tübingen, aber zum Beispiel in Göttingen Kulturanthropologie oder in Berlin Europäische Ethnologie. Es ist aber alles diese spezifische Art von Alltagskulturwissenschaft, die sich darum bemüht, unsere eigene Gesellschaft und unseren Alltag, unsere Selbstverständlichkeiten und Routinen zu hinterfragen, wo die herkommen. Das ist einfach das, was mich fasziniert hat von Anfang an. Diese Möglichkeit zu verstehen, dass alles, was in unserer Gesellschaft passiert und wie wir miteinander umgehen als Menschen – jetzt nicht nur in Deutschland, sondern das ist dann weltweit Kultur – dass dieses Phänomen Kultur nicht vom Himmel fällt, sondern gemacht ist, und zwar durch das Zutun und miteinander Tun von den Menschen. Kultur, sagt man im ganz Kurzen, ist das, wie Menschen was machen, wenn sie was machen. Es geht um Alltagshandlungen: Wie wir uns miteinander verbinden und kommunizieren, wie wir uns abgrenzen voneinander, wie wir versuchen, eigene Gruppen zu bilden und uns miteinander in irgendeiner Form zu verhalten.
A. B.: Da haben wir jetzt eigentlich schon einen guten Einblick in die erste Definition, wie Kultur verstanden wird im Fach. Jetzt heißt der Studiengang Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen. Was heißt denn empirisch? Was an dem Studienfach ist empirisch?
G. I.: Also das Wort empirisch hat in letzter Zeit eine sehr einseitige Karriere gemacht, weil es manche Fächer gibt, die empirisch ausschließlich mit statistischen Erhebungen in Verbindung bringen. Auch da geht man zu den Menschen, erhebt Material mit ihnen zusammen, indem man sie was fragt, abfragt, Fragebögen erstellt oder etwas zählt.
A. B.: Da muss ich gestehen, das war auch so meine erste Idee von empirisch.
G. I.: Genau. Und das ist auch eine Form von empirisch, aber eben nicht die einzige. Die andere Form von empirisch ist diese Art von Erfahrung nicht über Standardisierung und über Statistik zu erreichen, sondern über qualitative Sozialforschung, indem wir mit den Menschen reden, sie reden lassen vor allen Dingen, sie beobachten bei ihrem Alltagshandeln. Sie reden lassen, möglichst breit und möglichst ausführlich, aus dem Grund, weil im ausführlichen Reden, wenn sie uns etwas erzählen, dann beginnen sie, uns ihre Weltsicht zu erläutern. In dieser Weltsicht ist immer die Perspektive enthalten, wie soll etwas sein, wie macht etwas Sinn, wenn ich mich so verhalte, wie ich mich verhalte, wenn ich so denke, wie ich denke. Diese Sinnhorizonte, so nennen wir das, die geben Aufschluss auf kulturelle Ordnungen. Auf jeden Fall ist das eine Art von Empirie, die erfahrungsgeleitet ist. Aus dieser erfahrungsgeleiteten Sichtweise, die wir darauf haben und die, die Menschen, die wir fragen, haben, daraus generieren wir dann Theorien.
A. B.: Da schauen wir uns auf jeden Fall nochmal konkrete Beispiele an. Und damit man sich so ein bisschen vorstellen kann, wie denn das Studium des Faches aussieht, haben wir Studierende gefragt, wie denn deren typische Studienwoche so abläuft. Da hören wir mal rein.
Studieninhalte (10:27)
Studi 1: Eine typische Stundenwoche verbringe ich eigentlich im LUI. Das ist unser Institut, das Ludwig-Uhland-Institut und in der Wilhelmstraße, weil da die Neue Aula ist, in der Vorlesungen stattfinden und die Bibliothek.
Studi 2: Eine typische Woche besteht aus mehreren Seminaren zu Themen, die einen interessieren und außerdem so ein bis zwei Vorlesungen. Wir lesen recht viel, teilweise auch anspruchsvolle Texte, dann als Vorbereitung für kleinere empirische Forschungen. Und in manchen Seminaren geht man auch auf Exkursionen.
Studi 3: Im Vergleich zur Schulzeit habe ich relativ wenig Wochenstunden, im Schnitt vielleicht so 8 bis 12. Dafür habe ich einiges zu lesen, um die Seminare gut vorzubereiten. Das kann mitunter auch sehr anstrengend sein, ist aber meistens sehr lohnend, weil dadurch die Seminardiskussionen sehr spannend sind und natürlich auch der Austausch mit den KommilitonInnen davor und danach.
Studi 4: Eine typische Studienwoche heißt bei uns, dass man gar nicht so viel Zeit in Vorlesungen verbringt, aber viel Zeit im Selbststudium. Das heißt, dass man Texte liest, dass man mal in der Bibliothek ist, dass man eigene Forschung macht und zum Beispiel Leute interviewt und beobachtet oder auch mal ins Archiv geht und da forscht.
A. B.: Da haben wir schon einen ganz schönen Einblick bekommen. Aber einmal für den Überblick, Frau Ingendahl, mit welchen Bereichen beschäftigt man sich im Studium, so grob erst mal?
G. I.: Also die Themen, die wir anbieten in den Modulen – also ich nenne jetzt einfach mal die Modultitel – das sind: Kulturanalyse, das sind die kulturtheoretischen und methodischen Einblicke, dann die Kulturen Europas und der Regionen, jüdische Lebenswelten und Populärkultur. Es geht viel um sammeln und präsentieren. Das sind so die Oberthemen.
A. B.: Und haben Sie Beispiele, was man da so macht? Wie ich das rausgehört habe, gibt es einmal Bereiche, wo man sich erst mal Überblickswissen aneignet, wo man auch die Methoden erlernt, aber auch ganz regionale Einteilungen. Sie haben einmal den europäischen Raum genannt. Haben Sie da konkrete Einzelbeispiele, wie man sich das dann vorstellen kann in diesen Bereichen?
G. I.: Also ich probiere es mal jetzt vom Lehrprogramm des Sommersemester 2022 ausgehend. Da gibt es Seminare, zum Beispiel wird es ein Exkursionsseminar geben nach Oberammergau. Das ist dieser Passionsfestspiel-Wallfahrtsort, in dem alle paar Jahre die ganze Dorfbevölkerung aufgerufen ist, an einem Passionsfestspiel teilzunehmen.
A. B.: Ja, alle zehn Jahre. Und ich habe Karten für diesen Sommer.
G. I.: Das ist das Spannende, wie im Jahre 2022 das Mittelalter aufgeführt wird. Das heißt, was für eine Perspektive man von heute auf das Mittelalter hat oder was man denkt und meint, was man mit diesem Passionsfestspiel in die Welt tragen will. Das ist das Eine, also wie wird das praktisch übersetzt ins Heute. Und das andere ist, wie die ganze Bevölkerung sozusagen zehn Jahre darauf hinlebt. Angefangen dabei, dass Männer ihre Bärte wachsen lassen müssen, aber auch die Arten und Weisen, wie da Gemeinschaften entstehen, indem klar ist, dass 25 Menschen aus dem Dorf irgendeine Gruppe spielen und das schon seit Jahren üben. Dieses Festspiel strukturiert die gesamte Dorfgemeinschaft und das wird untersucht werden. Da werden die Studierenden mit den Verantwortlichen, mit den Schauspielenden in Kontakt treten. Sie werden auch selbst dabei sein und schauen, wie das Publikum sich verhält. Das wird alles in diesem Exkursionsseminar untersucht werden. Das ist zum Beispiel ein Seminar. Dann gibt es ein ganz anderes, das beschäftigt sich mit der Tübinger Technikgeschichte, also tatsächlich im Großen mit diesem Thema Cyber Valley bei uns in Tübingen mit der KI (künstliche Intelligenz). Was passiert in einer Stadt, wenn technische Instrumente in die Stadtgesellschaft eingreifen? Ob das jetzt Ampeln sind oder Telefone.
A. B.: Geht es in der EKW um ganz aktuelle Entwicklungen auch innerhalb von Tübingen? Das wäre dann regional.
G. I.: Die EKW schaut immer von heute, immer von aktuellen Themen aus und versucht da einen Zugang zu finden, um diese aktuellen Themen erforschen zu können. Da muss man praktisch am Fall anfangen.
A. B.: Da habe ich tatsächlich eine Nachfrage. Wie kommt man denn dann an historisch vergangene Zeiten? Also das ist oder kann, wenn ich das richtig verstanden habe, auch ein Untersuchungsgegenstand sein. Wie funktioniert das denn?
G. I.: Das kann ich auch an einem Seminarbeispiel erläutern. Da geht es um 50 Jahre Club Voltaire, das ist das lokale soziokulturelle Zentrum.
A. B.: Mitten in der Altstadt, hier in Tübingen.
G. I.: Ein kleiner Club, der aber wirklich seit 50 Jahren Kleinkunst macht und das lokale Leben, das lokale Kulturleben prägt. Da wird so vorgegangen werden, dass die vielen schriftlichen Dokumente, die es seit 50 Jahren gibt, untersucht werden, ob das jetzt Plakate sind oder Aufschriebe von Diskussionen, von Vereinsorganisationen oder vom Plenum. Diese archivalischen Dokumente werden als Material genommen. Es wird geschaut, wie die aussehen, was da drinsteht, aber eben nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern immer auch auf der Ebene, wie sind sie gestaltet und an wen sind sie gerichtet. Dann werden aber auch die Menschen, es gibt noch viele Menschen, die seit der Gründung dabei sind, befragt. Die werden in sogenannten biografischen Interviews befragt, damit sie möglichst viel aus diesen ganzen 50 Jahren aus ihrer Sicht erzählen. Und diese vielen verschiedenen Perspektiven von den Quellen und von den verschiedenen Menschen werden dann zusammengeführt und daraus wird dann eine Analyse entwickelt.
A. B.: Darf ich noch mal auf die Methoden zurückkommen? Ich habe schon notiert, Interviews sind eine der Methoden, die man sich konkret vorstellen kann für qualitative Analysen, das haben Sie schon gesagt. Dann auch Materialsichtung und Beobachtung als Methoden. Können wir noch mal zusammenfassen, was die Kernmethoden sind des Faches?
G. I.: Genau, Interviews sind eine wichtige Geschichte in alle möglichen Richtungen. Also da gibt es die unterschiedlichsten Untergruppen von Interviews, ich habe biografische Interviews schon genannt. Es gibt aber auch sogenannte nur narrative oder situationsgebundene Interviews. Das lernt man alles ab dem ersten Semester, die Unterschiede und wie man die dann entwickelt. Das Wichtigste ist immer die Eingangsfrage, also wie kriegt man die Leute zum Reden, so wie Sie auch heute versuchen, mich zum Reden zu bekommen.
A. B.: Ja, ich sehe. Ich reflektiere gerade schon.
G. I.: Beobachten, das nennt man teilnehmende oder auch stille Beobachter, da gibt es verschiedene Formate. Die teilnehmende Beobachtung, das ist diejenige, die wir aus der Ethnologie und aus der Sozialanthropologie abgeschaut haben. Von der Ethnologie her sind sie gerne in Völker und Gesellschaften gegangen, die sie gar nicht kannten, die so fremd waren wie nur irgendwie möglich. Auf jeden Fall haben wir das von der Ethnologie abgeschaut, dass wir „going native” sozusagen in die Gesellschaft reingehen. Das ist die teilnehmende Beobachtung, dass wir also zum Beispiel Teil einer Gruppe, die wir untersuchen möchten, sind. Beim Club Voltaire, was ich eben angesprochen habe, wenn wir da jetzt eine teilnehmende Beobachtung machen wollten, dann müssten wir uns mindestens ein halbes Jahr in deren Plenumsveranstaltungen, Versammlungen, in die Kommunikation im Büro, in die Art wie der Club Voltaire funktioniert, praktisch hineinhören oder bei Oberammergau müssten wir praktisch mitspielen. Das ist teilnehmende Beobachtung. Man kann aber auch eine stille Beobachtung machen, indem man sich zum Beispiel für ein anderes Thema, wie Fahrradfahren in Tübingen, interessiert. Da kann man sich wunderbar an den Anfang der Fahrradstraße in der Innenstadt stellen, an die Karlstraße und einfach stundenlang schauen, wer da mit wem wie zusammentrifft und auseinanderfällt, während da ein Fahrrad durch die Straße fährt. Die Straße ist ein Shared Space. Die Fußgänger zum Beispiel finden, diese Straße ist ihre Straße und die Fahrradfahrenden empfinden das aber auch. Was dann passiert, das kann man sich einfach mal ein paar Stunden anschauen. Das wären andere Formen von Beobachtung. Und die dritte Methode ist die Dokumentenanalyse. Das ist, ins Archiv zu gehen und nach bestimmten Kriterien dort Inhalte zu erheben und zu schauen, wie alles mit einem Sinn versehen wird. Das sind die drei hauptsächlichen Methoden.
A. B.: Da lassen sich auch schon gut die Schnittstellen zu anderen Fächern erkennen. Ethnologie haben Sie gerade schon genannt. Ich muss da auch an die Soziologie denken. Das wäre auch interessant zu wissen, was machen die anders? Wie kann man die Fächer abgrenzen von der Empirischen Kulturwissenschaft?
G. I.: Sie haben gerade die Soziologie genannt. Das ist ein Fach, mit dem wir viel zu tun haben. Wir haben auch öfters Kooperationsveranstaltungen. Viele von den Sozialtheorien, die in der Soziologie entwickelt worden sind, können wir auch verwenden als Werkzeuge für unsere Interpretation. Die Soziologie forscht mittlerweile auch sehr viel häufiger mikroperspektivisch, wie wir das machen. Unser Königsweg ist, vom Fall auszugehen, von der kleinen Gruppe auszugehen und da dann uns mit den Menschen, die diese Gruppe bilden, zu beschäftigen. Bei der Soziologie ist der Fokus auf der Gruppe. Die gehen mehr von der Struktur her, von der schon etwas abstrakteren Ebene einer Gesellschaft aus und da dann auf die Gruppenstruktur und Gruppenfunktionen. Wir nehmen die Erkenntnisse, die sie haben, über diese Gruppenfunktionen und wie das alles miteinander zusammenhängt und wir schauen, wie ist der Umgang der einzelnen Menschen wiederum mit diesen Strukturen.
A. B.: Also die Perspektive ist einfach eine andere. Und in der Ethnologie?
G. I.: Die Ethnologie, muss ich sagen, die hat sich auch verändert. Also dieses „möglichst weit weg“ ist immer noch ein großes Thema, aber die Ethnologie schaut auch öfters “at home”. Die sind mittlerweile häufiger in Gruppen und sozialen Strukturen unterwegs, zum Beispiel in migrantischen Strukturen, die hier in Deutschland stattfinden. Das machen wir auch, aber wir untersuchen die dann nicht als Fremde an, sondern sie sind einfach Teil unserer Gesellschaft. Und wir müssen nicht erst mal eine Abgrenzung herstellen, eine Distanzierung, wir sehen die Vielfalt. Wir sind eine moderne Gesellschaft in Vielfalt und in Diversität. Das ist der Fokus und die Perspektive, von denen aus wir anfangen. Die Geschichtswissenschaft, die schaut in die Vergangenheit, weil sie da ist, weil sie eine Vergangenheit ist. Wir schauen aus der Gegenwart und was wir brauchen aus der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen.
A. B.: Das ist in dem Beispiel vorhin glaube ich schon ganz gut klar geworden, wie man den historischen Blick aus der Kulturwissenschaft auf die Dinge richten kann. Hat man dann auch bestimmte Schwerpunkte im Studium, die man setzen kann oder auf die man sich beispielsweise im aufbauenden Studium später spezialisiert?
G. I.: Im Bachelor ist man breit aufgestellt, man kann aber für sich in den Wahlmodulen Schwerpunkte setzen. Wenn es dann ans Masterstudium geht, da ist es so, dass das Masterstudium ausgestattet ist mit einem Stamm-EKW-Studiengang mit drei Profillinien. Und diese drei Profillinien sind einmal „Museum und Sammlung”, dann einmal „Diversität” als Thema und einmal „Kulturanalyse des Alltags”. Das ist mehr so der theoretisch-methodische Arm.
A. B.: Dann gehen wir mal an die Praxisfrage. Wir haben schon gehört, dass es beispielsweise Exkursionen gibt. Was sind da noch praktische Anteile? Also wo können die Studierenden schon richtig praktische Erfahrungen sammeln?
G. I.: Naja, praktische Erfahrungen sammeln die Studierenden tatsächlich ab dem ersten Semester in der Einführung in empirische Methoden. Da wird es zum ersten Mal kleine Feldstudien geben. So etwas, was ich eben gesagt habe, Fahrradfahren auf der Fahrradstraße zum Beispiel. Da werden die ersten Bausteine gelegt.
A. B.: Und das machen die Studierenden dann selbstständig?
G. I.: Wir schauen zusammen, was sie gerne untersuchen möchten zu einem bestimmten Thema, ob das jetzt Fahrradfahren in Tübingen ist oder Nachtgeschichten. Dann können sie sich selbst aussuchen, wo sie gerne forschen möchten. In dem anderen Einführungsseminar „Einführung in die kulturwissenschaftlichen Arbeitsfelder”, da gibt es viele beispielhafte Lektüretexte zu lesen, was Fallstudien erzählen. Aber man macht auch eine Exkursion in eine andere große Stadt. Da gibt es dann kleine Shortcuts zur Stadtforschung. Es werden sich Gruppen zusammenfinden und zu verschiedenen Themen der Stadtforschung kleine Feldstudien machen. Das geht im ersten Semester los und so geht es dann durchs weitere Studium. Es gibt immer Seminare, die neben und mit der Lektüre kleine Feldstudien machen.
A. B.: Also gleich von Anfang an.
G. I.: Genau, gleich von Anfang an wird es mitgenommen. Dann ist es verpflichtend ein Praktikum in einer Einrichtung zu machen, die eines dieser vielen Kulturarbeitsfelder abbildet – wir kommen vielleicht gleich noch zu den Berufsfeldern – das ist ein verpflichtendes Praktikum. Im Masterstudiengang haben wir ein Studienprojekt, das ist ein dreisemestriges Projekt. Das nimmt sehr viel Zeit dieses Masterstudiengangs in Anspruch. Da wird nach einem großen, breiten Oberthema, das ist gesetzt, gearbeitet und da sucht sich dann die ganze Gruppe eigene Themen aus, wie man dieses Oberthema bespielen kann. Das ist jetzt im Moment gerade KI in Tübingen. Bei KI in Tübingen sind sowohl ganz technische Fragestellungen möglich wie: Was machen die da eigentlich und was gibt es für Möglichkeiten? Aber es sind eben auch Fragen zu, wie verändert sich die Stadtgesellschaft und an welchen Gruppen macht man das fest? An den Protestgruppen, an den Arbeitnehmenden, die alle in die Stadt ziehen wollen, an der Stadtplanung, an den Menschen, die dahinziehen und ihre Arbeit erklären oder auch einfach nur in Ruhe forschen wollen? Also da gibt es ein breites Feld, was man untersuchen kann.
A. B.: Also hat man schon eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten. Wenn wir jetzt schon bei den Inhalten und auch in der Praxis des Studiums sind. Wir haben unsere Tübinger Studierenden gefragt, was sie denn an ihrem Studiengang begeistert.
Persönliche Voraussetzungen (27:46)
Studi 1: Mich begeistert an diesem Fach, dass wir uns mit den Dingen beschäftigen, die wir eigentlich für selbstverständlich halten und dadurch auf ganz neue Perspektiven kommen und neue Dinge immer wieder neu betrachten können.
Studi 2: Mich begeistert, dass das Fach anwendungsbezogen ist. In jeglichen Situationen in meinem tagtäglichen Leben denke ich: „Oh, das wäre spannend zu erforschen, oder hier kann ich eine Verknüpfung zu einem Seminar herstellen“.
Studi 3: Also begeistern kann ich mich für einiges. Da wäre einmal die familiäre Stimmung am Institut und die vielen DozentInnen, die Bock haben, gute Lehrangebote zu machen. Aber begeistern kann ich mich genauso für die Forschung, die sehr nah an dem Alltagsleben der Menschen dran ist. Und ich finde, dass auf diese Weise ein Verständnis davon zu entwickeln, wie Menschen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie hineingeboren wurden, umgehen, ziemlich interessant.
Studi 4: Mich begeistert vor allem der offene Umgang und die thematische Vielfältigkeit im Institut. Egal, was man für Interessen hat, man bekommt immer ein sehr breites Spektrum an Themen, mit denen man sich auseinandersetzen kann.
Studi 5: Was mich am Fach begeistert ist, dass es immer wieder neue Einblicke und Perspektiven aufbringt und ich die Welt wirklich in einem anderen Blickwinkel sehe. Auf einmal wird sogar eine Werbepause spannend, weil ich mir überlege, was sagt diese Werbung aus und wie hat sie sich verändert? Und was sagt das vielleicht auch über unsere Gesellschaft?
A. B.: In den Studierendenbeiträgen, wie ich finde, bildet sich gut ab, was wir schon über das Fach gehört haben. Was sind denn Voraussetzungen, die Ihrer Ansicht nach hilfreich sind, wenn man in das Studium geht? Wir haben am Anfang schon etwas dazu gehört. Vielleicht können wir das noch mal benennen.
G. I.: Also neugierig sein und offen bleiben ist eine Kernkompetenz. Und dieses neugierig sein, dann aber auch mit harter Arbeit des Lesens versuchen zu befriedigen, das ist eine andere Kompetenz. Wirklich etwas durchdringen wollen, also Texte durchdringen wollen, auch schwierige Texte. Den Blick über den Tellerrand interessant finden und sich immer wieder irritieren lassen wollen. Das kann auch manchmal nervig sein. Da sollte sich eine Bereitschaft zeigen, wissen zu wollen, wie Kultur funktioniert. Diese Art von Hinterfragung, das muss man mögen, dass es gut sein kann, dass man dasitzt und sich versucht zu entspannen und dann gleichzeitig anfängt zu überlegen, wieso reden die da im Podcast so miteinander und wieso ist das hier so ausgestattet?
A. B.: Das klingt ein bisschen nach der EKW-Brille, die man dann irgendwann aufhat. Sie haben schon gesagt, viel lesen. Wie ist es mit Fremdsprachen? Also gibt es in der Fachkultur viel Literatur auf Englisch, ist das eine wichtige Voraussetzung?
G. I.: Englisch sollte man auf jeden Fall gut lesen können, gut verstehen können und auch zunehmend sich gut darin ausdrücken können. Also das wird auf jeden Fall geübt bei uns im Studium. Wir bemühen uns gerade mehr und mehr, Seminare auf Englisch anzubieten, was eine Herausforderung ist, finde ich, weil für diese Art von Tiefeninterpretation muss man schon einen sehr guten englischen Sprachzusammenhang haben. Aber zumindest die Art und Weise, wie englische Literatur zu verstehen sein kann, das sollte man sich erarbeiten, wenn man das studiert. Das kann man auch währenddessen. Das wächst dann auch mit der Literatur, die man liest.
A. B.: Da hilft es manchmal, einen Teil des Studiums im Ausland zu verbringen. Wie ist das in der EKW? Kann man da ins Ausland, ist das erwünscht?
G. I.: Also die EKW unterstützt alle Menschen darin ins Ausland zu gehen, denn es erweitert nochmal die EKW-Brille und die Möglichkeiten zu verstehen, wie unterschiedlich das menschliche Zusammenleben sein kann und trotzdem alle das für ganz normal halten. Wir unterstützen das sehr. Wir haben eine eigene Auslandsstudienberatung. Wenn sie dann wiederkommen, werden sie auch in der Regel alles anrechnen können für den Studiengang hier, weil das immer kulturanthropologische Themenschwerpunkte sind, die dann mitgebracht werden.
A. B.: Das ist ja schon mal gut zu wissen. Dann ist die EKW ein Fach, das entweder als Hauptfach oder Nebenfach studiert werden kann, das heißt, es braucht ein Kombinationsfach. Schauen wir da rein, was es überhaupt für mögliche Fächer gibt. Gibt es Fächerkombinationen, die sich gut anbieten oder die sehr häufig auftreten?
G. I.: Also das mit dem häufig Auftreten muss ich erst mal wieder verneinen. Das ist wahnsinnig vielfältig, gute Nebenfächer für die EKW sind alle Fächer aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, also auch aus den Theologien. Das ist frei wählbar und es wird auch konjunkturmäßig von den Studierenden sehr unterschiedlich gewählt. Ich sag in den Beratungssitzungen meistens, dass das ein bisschen die eigene persönliche Farbe in der EKW ist, was man zusätzlich noch stark für sich selbst mitnehmen will. Ob man mehr in der Sprachenrichtung ist, ob man die Gesellschaftsanalyse noch auf anderen Ebenen untersuchen will durch Politik oder Soziologie. Ob man jetzt schon weiß, dass man sich häufig im interkulturellen Zusammenhang aufhalten will, dann ist ein mögliches Nebenfach von Sinologie über Arabistik bis Englisch, also Anglistik. Es gibt auch die Möglichkeit, evangelische Theologie oder Jura als Nebenfach dazu zu studieren, weil das immer andere Facetten unserer Gesellschaft sind, die wiederum eine Perspektive darauf zeigen und eröffnen, wie eine Gesellschaft funktioniert.
A. B.: Das heißt, das ist oft die Qual der Wahl, weil man so viele Möglichkeiten hat. Aber das sind auf jeden Fall ganz gute Hinweise, wie man bei der Auswahl vorgehen kann, wenn man da noch nicht ganz festgelegt ist, in welche Richtung es gehen soll. Das kann auch schon ein bisschen die berufliche Richtung vorbereiten, wenn man dann weiß, wo es hingehen soll. Und wir haben unsere Tübinger Studierenden natürlich auch gefragt, was sie für Berufswünsche haben.
Berufsperspektiven (34:38)
Studi 1: Beruflich kann ich mir vorstellen, in der politischen Bildung zu arbeiten. Ich habe über ein Praktikum bei der Landeszentrale für politische Bildung diese Arbeit kennengelernt und dabei festgestellt, dass mir das Organisieren von Veranstaltungen und das Aufbereiten von Wissen sehr viel Spaß macht.
Studi 2: Ich interessiere mich mittlerweile sehr für den Medienbereich und möchte entweder redaktionell zum Beispiel im Radio arbeiten oder auch zum Beispiel in der Filmproduktion in der Requisite. Aber mit EKW kann man eigentlich so gut wie alles machen.
Studi 3: Im Studium konnte ich meinen Blick für das Erkennen von sozialen Ungleichheiten schärfen und habe dabei gleichzeitig gelernt, mich sprachlich und schriftlich gut auszudrücken. Und da ich während des Studiums glücklicherweise Zeit für politische Arbeit hatte, konnte ich beides direkt in unsere Gesellschaft einbringen, beispielsweise beim Organisieren von Bildungsveranstaltungen, Demonstrationen und beim Schreiben von Positionspapieren. Genau das ist es auch, was ich nach meinem Studium tun möchte, um die Welt ein Stück weit zu einem lebensfreundlichen Ort zu machen.
Studi 4: Ich möchte nach dem Studium gerne im Museumsbereich arbeiten und da fasziniert mich, dass man einerseits Ausstellungen inszenieren kann, andererseits weiterhin in der Forschung drin ist, sich mit Inhalten befasst und gleichzeitig die Inhalte so aufarbeitet, dass sie auch für andere Menschen interessant sind und sie sich das gerne anschauen und vielleicht auch was mitnehmen.
A. B.: Ja, da sind jetzt schon so Stichworte gefallen wie Medienbereich, Radio oder Film, der Museumsbereich, die politische Arbeit und Bildung. Was sind denn mögliche Berufe oder Berufsfelder?
G. I.: Ich will gerade vielleicht doch die ganz große Überschrift darüber fassen, weil sich das schon ein bisschen disparat anhört: Was EKW einfach sehr gut kann, ist vermitteln. Den Leuten etwas vermitteln, etwas erklären. Weil wir verschiedenste Perspektiven verstehen können, können wir das wiederum vermitteln. Das ist so eine Kulturvermittlungsfunktion letztlich und da sind wir in sehr vielen Bereichen tätig. Und das kann eben eine Art von Vermittlung sein, wie es schon gesagt worden ist, im Museum, in dem etwas präsentiert wird, ein Thema mit Objekten und Erklärtexten. Das kann auch sein über Veranstaltungsformate, indem man etwas anbietet und das so aufbereitet, dass Menschen damit zurechtkommen, verschiedene soziale Gruppen. Das ist dann immer zielgruppenspezifisch. Das kann genauso gut eben im Journalismus sein, in allen Formaten des Journalismus, das ist auch schon angeklungen. Das ist auch im Bereich der Kulturverwaltung nichts anderes. Die Behörden auf den verschiedenen Ebenen von der Kommune bis zum Bund, stellen Räume, Themen und Gelder bereit, um wiederum Gesellschaft zu erklären und Gesellschaft erklärbar zu machen auf den verschiedensten Ebenen. Dann Kulturinstitutionen in jede Richtung, also NGOs (Nichtregierungsorganisationen), Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen nach innen und nach außen kommunizieren, wie man gesehen werden möchte. Da ist auch ein neues Feld entstanden, wie Diversity-Management, die Vielfalt in Unternehmen, sich fruchtbar zu machen. Ein großes Spektrum.
A. B.: Das ist ein großes Spektrum. Wie ist es denn mit dem Berufseinstieg? Wie gelingt der nach dem Abschluss?
G. I.: Ja, das ist natürlich immer ein bisschen Aufschneiderei kann man sagen. Wir haben aber selbst öfters Befragungen gemacht von unseren AbsolventInnen und wir machen auch jedes Jahr im Winter ein sogenanntes Berufsfeldkolloquium, wo Absolventinnen und Absolventen des Fachs von ihren Einstiegen in den Beruf erzählen. Wir können zumindest sagen, dass der Einstieg sehr gut gelingt, und zwar immer schneller. Mittlerweile ist es tatsächlich so, dass sehr viele AbsolventInnen des Masters schon vor dem Ende der Masterprüfung ihre erste Stelle haben. Dadurch, dass diese Schnittstellenfunktion, diese Kulturvermittlung, immer wichtiger werden in unserer großen, unübersichtlichen Welt, gibt es auch immer mehr Stellen, die dafür geschaffen werden und deshalb gibt es auch immer mehr Bedarf für die EKW.
A. B.: Sie haben es gerade schon gesagt, der Masterabschluss und der Einstieg danach gelingt ganz gut. Jetzt ist der Master der weiterführende Studiengang von dem, wo jetzt unsere Hörerinnen und Hörer anfangen. Also diejenigen, die jetzt gerade Abitur machen, werden erst mal in den Bachelor einsteigen. Ist der Master notwendig oder kann man auch schon nach dem Bachelor in den Beruf?
G. I.: Man kann auf jeden Fall auch nach dem Bachelor in den Beruf. Das sind auch spannende Stellen. Es ist tatsächlich aber so, in diesem Kulturvermittlungsbereich arbeitet man häufig konzeptionell. Man muss neue Dinge entwickeln und man kann nicht etwas abarbeiten. Das hat was mit unserer deutschen Struktur, der Berufsstruktur zu tun. Deshalb ist dieser Bereich als Einstieg eine gute Sache. Aber für das, was die EKW leisten kann und was die meisten dann wahrscheinlich möchten, ist es wichtig, den Master zu machen. Einfach damit man an diese Stellen kommt, in denen man selbst etwas entwickeln kann. Ich würde sagen, dass man mit dem Masterstudiengang bei uns auf jeden Fall eine tiefergehende Qualität an kulturwissenschaftlicher Expertise gewinnt. Aber, dass man auch im Bachelor schon Bereiche und Wissen erreicht hat, dass man sehr gut was planen und entwickeln kann. Das wird aber dann häufig einfach von unserer Struktur her, von der Arbeitstätigkeitsstruktur, noch nicht so gesehen.
A. B.: Tipps zur weiteren Auseinandersetzung. Wenn ich jetzt die Folge hier gehört habe „Empirische Kulturwissenschaft“ und mir denke, könnte ich mir vorstellen zu studieren, würde ich mich aber gerne noch ein bisschen tiefergehend mit beschäftigen. Was kann man sich dann noch anschauen?
Insider-Tipps (41:01)
G. I.: Also was ich jetzt gerade echt ganz spannend finde, dass es dieses Podcast-Format gibt. Das scheint auch in unserem Fach ein sehr schönes mediales Format zu sein, um zu vermitteln, wie Kultur funktioniert. Deshalb kann ich wirklich empfehlen, dass man unter so einem Stichwort wie „Podcast Empirische Kulturwissenschaften“ sucht. Da gibt es nämlich jetzt mittlerweile eine ganze Menge an spannenden Podcasts von Studierenden aus ihren Projekten heraus, die mithilfe dieses Formats die Ergebnisse ihrer Forschungen zu den verschiedensten Themen des Alltags und der Alltagskultur veröffentlicht haben. Das kann ich auf jeden Fall empfehlen.
A. B.: Guter Tipp.
G. I.: Und ansonsten, mir fällt dann immer zuerst „Kitchen Stories” ein. Das hatte der Kollege aus der Soziologie schon genannt. Das ist das absolute Gegenbeispiel, wo man sehen kann, wie empirische Forschung eben tatsächlich in echt funktioniert, obwohl man denkt, sie würde anders funktionieren, weil man da sieht, was Forschung ist und was Forschung aber auch macht in einem Feld, wenn sie da ist, dass sie nämlich sehr wohl das Feld auch verändert, was sie untersucht. Und was ich auch einen wirklich interessanten Film für die EKW finde, auch wenn sich das gerade nicht so anhört, es gibt einen älteren Film, der heißt „Die Götter müssen verrückt sein“. Da fällt aus einem Flugzeug irgendwo in einem afrikanischen Land eine Colaflasche auf den Boden. Und die Menschen, die diese Colaflasche finden, die fangen an sich zu überlegen, was der Grund sein könnte und versuchen, irgendwas mit dieser Flasche zu machen, was sie denken, was damit gemeint war. Und das ist ein Film, der schön zeigt, wie Dinge, Objekte und der Blick darauf unterschiedlich sind, je nachdem aus welcher Perspektive und Sinndeutung man darauf schaut.
A. B.: Hm, also das heißt, er ist wahrscheinlich unfreiwillig dann interessant.
G. I.: Nein, der ist schon extra so gemacht. Also wenn, dann kann man jetzt denken, das war einfach ein Film, der hat die westliche Welt karikiert und das hat es sehr schön auf den Punkt gebracht.
A. B.: Von meiner Seite aus ist alles gesagt. Haben Sie noch etwas, was Sie gerne mit auf den Weg geben möchten?
G. I.: Ich finde wirklich, dass das das ein Fach ist, was einen überrascht. Und deshalb würde ich alle Leute einladen. Das Fach bietet so viel. Probieren Sie es aus!
A. B.: Dann sage ich mal vielen Dank für Ihre Antworten und Einblicke in das Fach.
G. I.: Ich bedanke mich sehr, dass ich heute dabei sein konnte. Ich hoffe, dass Sie auch auf unserer Homepage und bei dem Film – wir haben einen kleinen Imagefilm zur EKW gedreht – vielleicht noch ein paar Antworten mehr auf Fragen finden können. Unsere Studienfachberatung ist offen für Fragen.
A. B.: Alle weiterführenden Infos werden wir in den Shownotes verlinken und ansonsten bei Fragen, Feedback, Kritik schreibt uns gerne an hochschulreif@uni-tuebingen.de
Shownotes
„hochschulreif“ spricht mit Dr. Gesa Ingendahl über die folgenden Themen:
00:53 Persönliche Motivation
10:27 Studieninhalte
27:46 Persönliche Voraussetzungen
34:38 Berufsperspektiven
41:01 Insider-Tipps
Insider-Tipps zur EKW:
Hier geht es zum Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, dort findet ihr auch den erwähnten Image-Film der Tübinger Kulturwissenschaft "Dem Alltag auf der Spur". Weitere Einblicke in kulturwissenschaftliche Forschungsgebiete und Erinnerungsberichte ehemaliger Studierender gibt es im LUI-Podcast. Für Fragen rund ums Studium der EKW in Tübingen steht die Studienfachberatung zur Verfügung.
Zitierte Filme:
- Bergmark, Jörgen/Hamer, Bent (Produktion), Hamer, Bent (Regie): Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet), Norwegen/Schweden 2003.
- Uys, Jamie (Poduktion und Regie): Die Götter müssen verrückt sein (The Gods Must Be Crazy), Südafrika/Botswana 1980.
Individuelle Unterstützung bei der Studienwahl findet ihr bei der Zentralen Studienberatung der Universität Tübingen. Infos zu allen Studiengängen an der Universität Tübingen gibt es im Verzeichnis der Studiengänge.
Bei Fragen, Anregungen oder Kritik schreibt uns an: hochschulreifspam prevention@uni-tuebingen.de