Uni-Tübingen

Warum sind Tierversuche in der Wissenschaft wichtig?

Tierversuche finden in der Grundlagenforschung und in der angewandten Forschung statt. Sie sind zum Teil vom Gesetzgeber zur Sicherheit der Menschen vorgeschrieben. Die Grundlagenforschung ist die Basis der medizinischen, angewandten Forschung. Sie untersucht grundlegende Mechanismen in einem Organismus, um diese zu verstehen und um neue Therapieansätze entwickeln zu können. Hier sind die Forscherinnen und Forscher häufig auf Tierversuche angewiesen. Manche Prozesse im menschlichen und tierischen Körper lassen sich isoliert untersuchen. Aber nur an einem lebenden Tier können die spezifischen Interaktionen zwischen den einzelnen Organen, Zellen und Zellbausteinen studiert werden. Oft führt die vergleichende Untersuchung bei verschiedenen Tierarten zu neuen Einsichten. Aus der angewandten Forschung ergeben sich neue Fragen, die wiederum in die Grundlagenforschung einfließen. Mit anderen Worten: Grundlagenforschung und angewandte Forschung bedingen sich gegenseitig und führen zum Fortschritt in der praktischen Medizin, im Umweltschutz und im Tierschutz.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Erkenntnisse aus sorgfältig und verantwortlich durchgeführten Tierversuchen dem medizinischen Fortschritt und damit dem Menschen zugutekommen. Hier ein Überblick zu wichtigen medizinischen Entwicklungen, die durch die Forschung an Tieren möglich wurden:

2020er
mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19: Schnelle Zulassung dank jahrzehntelanger vorklinischer Arbeit an Tiermodellen; Erste Gentherapien gegen Blutkrankheiten
2010er
Impfung gegen Ebola; Gentherapie gegen erbliche Blindheit
2000er
Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson; Impfungen gegen Vogelgrippe und gegen Gebärmutterhalskrebs
1990er
Meningitis-Impfung; Aufschlüsselung von erblichen Dispositionen und Umwelteinflüssen für die Entstehung von Brustkrebs, neue diagnostische und therapeutische Ansätze für die Behandlung von Brust- und Prostatakrebs
1980er
Organtransplantationen; Behandlung von Leukämie im Kindesalter; Auflösung von Nierensteinen mit Ultraschall; Diagnose und Behandlung der Borreliose
1970er
Impfung gegen Masern; Lasertherapie bei Netzhautablösung; Erste Medikamente gegen Viren
1960er
Impfung gegen Röteln; Bypassoperation am Herzen; Entdeckung von Substanzen gegen Bluthochdruck
1950er
Schluckimpfung gegen Kinderlähmung; Entwicklung erster Chemotherapien gegen Krebs; erstes Cochlea-Implantat
1940er
Behandlung von Lepra
1930er
Moderne Anästhetika; Tetanus-Impfung; Entdeckung des Rhesusfaktor-Systems im Blut
1920er
Entdeckung der Blutzuckerregelung durch Insulin (erste Versuche am Hund)
1900er
Bluttransfusionen
1900
Behandlung von Vitaminmangelerkrankungen wie Rachitis; Erste Transplantationsversuche

Dass Tierversuche für den medizinischen Fortschritt wichtig sind, lässt sich an der Vergabe von Nobelpreisen in Physiologie und Medizin ablesen. Seit 1900 wurde der Nobelpreis für Physiologie und Medizin rund 70-mal an Forschende vergeben, die bahnbrechende Erkenntnisse nicht zuletzt mittels Tierversuche gewannen. Die Beispiele reichen von der Entdeckung des Insulins und des Penicillins bis zur heutigen AIDS-Behandlung und den Erkenntnissen über das Funktionieren des Immunsystems oder des Gehirns.

Dank Tierversuchen konnten Antibiotika, Impfstoffe gegen Krankheiten wie Kinderlähmung (Polio) und Insulin für an Diabetes leidende Menschen entwickelt werden. Rund 80 Prozent der an Leukämie erkrankten Kinder können heute geheilt werden. Die Therapien gegen diese Krankheit wurden in Tierversuchen entwickelt. Auch in der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen, der verschiedensten Formen von Krebs, AIDS aber auch in der Chirurgie wurden und werden auf tierexperimenteller Grundlage enorme Fortschritte gemacht. 

Neurobiologische Tierversuche haben maßgeblich zur Verbesserung der Diagnostik und Therapie psychiatrischer sowie neurologischer Erkrankungen beigetragen. So konnte etwa das Verständnis von kindlichen Sehstörungen wie Schielen und der Entstehung von Kurzsichtigkeit deutlich erweitert werden. Die Entwicklung von Neuroprothesen zur Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen oder Schlaganfällen geht auf Erkenntnisse aus Experimenten mit Rhesusaffen zurück. Zudem wurden die Übertragungsmechanismen von Prionenerkrankungen wie Kuru, Scrapie oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erforscht, was entscheidend für das Verständnis des auf den Menschen übertragbaren Rinderwahns (BSE) war.

Sind Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar?

Die Bestandteile von Körperzellen und die biochemischen Mechanismen, die Lebensvorgängen zu Grunde liegen, weisen bei den verschiedenen Tierarten große Ähnlichkeiten zum Menschen auf. Trotzdem ist das Tiermodell – wie auch das Zellkulturmodell oder die Forschung an Organoiden – immer nur ein Modell, das den Menschen nicht vollständig abbildet. Vielmehr dienen Modelle dazu Vorhersagen zu machen. Je komplexer und genauer ein Modell den Menschen abbildet, desto besser ist seine Vorhersagekraft. Wegen der Ähnlichkeiten von Zell- und Organfunktionen bei Säugetieren gilt die Prämisse, dass Ergebnisse, die im Tierversuch gewonnen wurden, meist auf den menschlichen Organismus übertragbar sind. Diese Grundvermutung gilt sowohl für die erwünschte als auch für die schädigenden und toxischen Wirkungen eines Stoffes. 

Ist sich die Wissenschaft einig über die Notwendigkeit von Tierversuchen?

Wissenschaft lebt von einem kritischen Diskurs und das heißt auch von unterschiedlichen Sichtweisen. Auch beim Einsatz von Versuchstieren sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht immer einer Meinung. Nach Ansicht der meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der biomedizinischen Grundlagenforschung ist die Aussagekraft von Tierversuchen gegeben.

Allerdings ist diesen Forscherinnen und Forschern auch klar, dass nicht jedes Ergebnis aus Tierversuchen eins zu eins auf den Menschen übertragbar ist. Die Aussagekraft eines Tierversuchs ist – wie die Aussagekraft jedes anderen wissenschaftlichen Experimentes – immer begrenzt und muss durch Untersuchungen mit anderen Ansätzen komplettiert und hinterfragt werden. Tierversuche bleiben daher nach derzeitigem Stand ein wesentlicher wissenschaftlicher Baustein.


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