Erzählen Sie etwas mehr über Ihre Forschung an der Schnittstelle zwischen Geschichte, Schule und Bildungsforschung
Ich habe in den letzten Jahren zwei Oral History-Projekte zur Erinnerung an die deutsch-deutsche Vergangenheit durchgeführt, die sogenannten „Generationenprojekte“. Dafür haben wir in lebensgeschichtlichen Videointerviews Menschen befragt, die 1975 bzw. 1961 im Osten und Westen Deutschlands geboren worden sind. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Erleben der Teilung, des Mauerfalls und der Transformationszeit nach 1990.
Wir stellen die lebensgeschichtlichen Videointerviews als Oral History-Quellen in dem „Archiv deutsches Gedächtnis“* (Link im Infokasten am Ende des Beitrags) an der FernUniversität in Hagen allen Forschenden zur Verfügung. Zudem habe ich selbst die Interviews mit qualitativen Methoden bezogen auf die Erzählweisen und die verwendeten Stereotype ausgewertet und hierzu publiziert.
Darüber hinaus wurden aus den Videos künstlerische Videoinstallationen gestaltet, die bald in der Wanderausstellung „Generationen verbinden“* in Ost- und Westdeutschland zu sehen sein werden. Bei den Videoinstallationen werden aus den sehr langen Zeitzeugen-Interviews thematische Filme mit einer Länge von circa einer Stunde sowie Einzelvideos mit einer Länge von ca. 20 Minuten zusammengeschnitten. Die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erzählen sich in der Installation quasi gegenseitig ihre Geschichten: von der Kindheit, der Sozialisation, der Erfahrung des Mauerfalls bis zu ihrer Einschätzung der Gegenwart. Die Videoinstallationen sind ein wichtiger Beitrag für die Erinnerungskultur, wir zeigen sie an öffentlichen Orten und bringen dadurch Menschen aller Couleur zusammen.
In einer großen DFG-Studie* haben wir außerdem untersucht, welchen Einfluss der Einsatz von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auf den Lernerfolg und das Geschichtsverständnis von Schülerinnen und Schülern hat. An dieser Studie haben 61 Schulklassen teilgenommen, ihre Auswertung steht kurz vor dem Abschluss.
In einigen Klassen kamen die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen live in den Unterricht, in anderen wurden die 20-minütigen Videointerviews eingesetzt. Die Unterrichtseinheiten rund um die Transformationszeit nach 1989 bestanden jeweils aus drei Doppelstunden: in der ersten wurde das Thema vorbereitet, in der zweiten kamen die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Besuch bzw. wurden die Videos gezeigt, und in der dritten Doppelstunde stand die Reflexion sowie die Einordnung und Kontextualisierung im Fokus. Konkret haben wir geschaut, welchen Unterschied es macht, ob wir mit Live-Zeitzeugen oder mit Videointerviews arbeiten.
Was sind die Ergebnisse der DFG-Studie?
Live-Begegnungen involvieren Schülerinnen und Schüler stärker und das wiederum macht es für sie schwerer, kritische Distanz zu den Zeitzeuginnen bzw. Zeitzeugen zu bewahren. Diese ist aber notwendig, um sie als Quelle angemessen einordnen zu können und zu verstehen, dass sie nur ein Baustein der Geschichte sind. Das hat auch unsere Studie bestätigt: Unmittelbar nach der Begegnung hatten die Lernenden in der Live-Gruppe die Perspektivität von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weniger gut verstanden. Diesen Unterschied bezogen auf die grundsätzliche Einsicht in die Perspektivität fanden wir nicht mehr nach der letzten Doppelstunde der Unterrichtseinheit.
Den Schülerinnen und Schülern hat es mehr Spaß gemacht, mit Live-Zeitzeugen zu arbeiten als mit den Videointerviews. Abgesehen davon haben sie alle ähnlich gut gelernt und ihre Lerneffekte ähnlich eingeschätzt, hier gab es statistisch keine signifikanten Unterschiede. Zukünftig wollen wir weiter untersuchen, welchen Unterschied es macht, welche Geschichte erzählt wird, ob sie beispielsweise sehr dramatisch oder eher alltäglich ist.
In dem DFG-Projekt haben wir unmittelbar nach dem Besuch der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen einen Fragebogen eingesetzt, in dem erfasst wurde, wie die Schülerinnen und Schüler die Begegnung empfunden haben. Ausgehend hiervon haben wir einen Fragebogen für die Praxis entwickelt, der dabei hilft, nach der Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Erfahrung von Authentizität und den Umgang damit zu reflektieren. Dieser Bogen wird zum Beispiel in der Gedenkstätte Hohenschönhausen* sowie vom dortigen koordinierenden Zeitzeugenbüro eingesetzt. Auf dem „Generationenportal“*, einem Angebot des Landesbildungsservers Baden-Württemberg, stehen dieser Fragebogen, die Unterrichtseinheit und Videos der DFG-Studie und weitere erprobte Unterrichtseinheiten und Videos der „Generationen“-Projekte allen Interessierten frei zur Verfügung.
Wie sind Sie bei der Erstellung dieser Generationen-Interviews methodisch vorgegangen?
Wir haben zunächst Aufrufe in den Medien – in Tageszeitungen, Wochenzeitungen, auf Social Media – gestartet, um Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zu finden. Aus den Bewerbungen haben wir nach bestimmten Kriterien Interviewpartner ausgesucht, wichtig war für uns insbesondere eine möglichst große Varianz hinsichtlich der Bildungsabschlüsse, aber auch der politischen Orientierung. Dafür haben wir zum Beispiel auch die Sonntagsfrage (welche Partei würden Sie wählen, wenn…) gestellt, damit wir in den Interviews nicht immer nur eine Sichtweise haben.
Für die Videointerviews haben wir anschließend einen Leitfaden entwickelt. Von vornherein war das Ziel, das aus den Interviews auch Videoinstallationen entstehen. Deswegen haben wir nicht selbst die Kamera draufgehalten, sondern mit professionellen Videokünstlerinnen zusammengearbeitet. Diese haben mit den Zeitzeugen und Zeitzeuginnen ein lebensgeschichtliches Interview geführt. Manche erzählten auf die offene Einstiegsfrage anderthalb Stunden über ihr Leben, andere waren bereits nach zehn Minuten am Ende. Im zweiten Teil des Interviews stellten die Interviewer Nachfragen und vertiefende Fragen, so wie man es üblicherweise in der Oral History macht.