Uni-Tübingen

G01: Platonismus und Christentum in der Spätantike. Literarische Strategien der Bedrohungskommunikation bei Porphyrios und Eusebios

Projektmitarbeiter*innen:
Fabian Raßmann, M.A. (bis 2022)
Doktorand
Joshua Shaw, M.A.
Doktorand

 +49 7071 29-75099
joshaw94spam prevention@gmail.com

Dr. Sonsoles Costero Quiroga
Postdoc

Fachgebiete: Klassische Philologie, Evangelische Theologie

Zu Beginn des 4. Jh. n. Chr. nehmen sich Platonismus und Christentum gegenseitig als Bedrohung wahr. Das Teilprojekt untersucht Texte, die wenige Jahre vor und wenige Jahre nach der ‚Konstantinischen Wende‘ verfassten worden sind. Sie sind Ausdruck eines Ringens um Deutungshoheit. Die Autoren streiten jedoch nicht nur über abstrakte, metaphysische Postulate, sondern nehmen konkrete Praktiken wie beispielsweise die Orakelbefragung, die Verehrung von Götterbildern oder die Opferpraxis in den Blick. Ziel des Teilprojekts ist es, zu zeigen, wie auf der einen Seite der Platoniker Porphyrios angesichts immer einflussreicheren Christen platonische Philosophie als umfassende Welt-, Wissens- und Lebensordnung neu konzeptualisiert. Er sieht sich durch das Auftreten der Christen gezwungen, traditionelle Praktiken neu zu erklären – Praktiken, die Christen ablehnen oder völlig anders interpretieren. In seinen Schriften sucht er Antworten auf Fragen wie: Warum werden Tiere geopfert? Warum werden Orakel befragt? Warum werden Götterbilder verehrt?
Auf der anderen Seite steht der christliche Theologen Eusebios im Zentrum. Dieser verfasste eine umfangreiche Schrift mit dem Titel Praeparatio evangelica. Er verfolgte zum einen das Ziel, eine Einführung in das Christentum zu geben. Zum anderen setzte er sich intensiv mit griechischen, nichtchristlichen Autoren auseinander, vor allem mit Porphyrios. Seine Schriften zitierte er am häufigsten. Das Teilprojekt untersucht, in welchem Zusammenhang Porphyrios’ Neuordnung (re-ordering) mit Eusebios’ Verteidigung des Christentums steht. Neben den polemischen Strategien gilt das Interesse besonders der Frage, inwiefern die jeweiligen literarischen Ordnungskonstruktionen sich gegenseitig beeinflussen.
In der ersten Förderphase standen zunächst die Fragmente von Porphyrios’ Schrift Contra Christianos im Mittelpunkt. Die Analyse dieser Kampfschrift gegen die Christen zeigte, wie Porphyrios bereits vor 304 n. Chr. seismographisch die Christen als Bedrohung wahrnahm. In der zweiten Förderphase lag der Fokus auf den religionsphilosophischen Schriften Über die Götterbilder (Περὶ ἀγαλμάτων) und Über die Orakelphilosophie (De philosophia ex oraculis haurienda), ferner auf der unter Eusebios’ Namen überlieferten Schrift Contra Hieroclem und Augustinus’ Porphyrios-Rezeption im zehnten Buch von Über den Gottesstaat (De civitate Dei). Die Untersuchung unter dem Gesichtspunkt der christlichen Bedrohung ergab, dass traditionelle Praktiken wie die Verehrung der Götterbilder oder die Orakelbefragung einer Neuinterpretation unterzogen wurden. Die Schriften sind daher Ausdruck einer literarischen Bewältigungspraxis.

Projektpublikationen:

  • Irmgard Männlein-Robert, Zur Biographie Plotins, In: Plotin-Handbuch (hrsg. von Christian Tornau), Stuttgart vorauss. 2021.
  • Irmgard Männlein-Robert, Isagogic Patterns in Porphyry (Isagoge and Vita Plotini), in: Isagogical Crossroads (ed. by Anna Motta and Federico Petrucci), vorauss. 2021.
  • Irmgard Männlein-Robert, Subtle Battles or Platonic Exegesis as Polemical Strategy in Porphyry, in: Polemics, Rivalry and Networking in Graeco-Roman Antiquity (ed. by Pieter d’Hoine, Geert Roskam, Stefan Schorn and Jos Verheyden), Turnhout vorauss. 2021 (Lectio. Studies in the Transmission of Texts & Ideas).
  • Irmgard Männlein-Robert, Seelenreise und Katabasis: Literarische und philosophische Konturen einer Denkfigur, in: Seelenreise und Katabasis: Einblicke ins Jenseits in antiker philosophischer Literatur. Akten der 21. Tagung der Karl und Gertrud Abel-Stiftung vom 30. Juli bis 1. August 2018 in Tübingen (hrsg. von Irmgard Männlein-Robert), Berlin/Boston 2021 (= Philosophie der Antike, Band 40), S. 1–11.
  • Irmgard Männlein-Robert, The Old Gods in Fragments or Modes of Deconstruction: Eusebius on Porphyry’s Περὶ ἀγαλμάτων, in: Fragments in Context – Frammenti e dintorni (ed. Virginia Mastellari), Göttingen 2021, S. 211–228.
  • Irmgard Männlein-Robert, Baustein 239: Die Angleichung an Gott (ὁμοίωσις θεῷ) als höchstes Ziel und Vollendung der Seele im Mittelplatonismus, in: Der Platonismus in der Antike, Band 8 (hg. v. M. Baltes/C. Pietsch), Stuttgart-Bad Cannstatt 2020, S. 136–147 und 390–407.
  • Irmgard Männlein-Robert, Das Motiv der Höhle in Literatur und Kunst: Porphyrios, De antro Nympharum, in: Die Seele im Kosmos. Porphyrios, Über die Nymphengrotte in der Odyssee (hg. von Manuel Baumbach), Tübingen 2019 (SAPERE XXXII), S. 97–116.
  • Irmgard Männlein-Robert, Move Your Self: Mobility and Migration of Greek Intellectuals to Rome, in: Self, Self-Fashioning, and Individuality. New Perspectives (ed. by M.R. Niehoff and J. Levinson), Tübingen 2019, S. 331–352.