Leibniz Kolleg

Organisation des Studienjahres

Education is the most powerful weapon which you can use to change the world.

Nelson Mandela

Seminare und Stundenplan

Das Kursprogramm am Leibniz Kolleg besteht aus Seminaren und Arbeitskreisen, die in kleinen Gruppen von acht bis 20 Studierenden zusammen mit einer Fachdozentin oder einem Fachdozenten arbeiten. Seminare finden in der Regel einmal wöchentlich zweistündig, die Sprachkurse in der Regel vierstündig statt.

Jeder Studierende wählt verbindlich wenigstens je ein Seminar, bzw. einen Arbeitskreis aus vier Bereichen, aus den Sozial-, Geistes-, und Naturwissenschaften und aus dem musischen Bereich. Alle Studierenden sollten mindestens 12 Wochenstunden aus dem Angebot der wissenschaftlichen Kurse belegen. Sprachkurse gehören nicht zu diesen vier obligatorisch zu wählenden Bereichen. Für das Sommersemester können die Kurse neu gewählt werden. Die Wahl des Stundenplans ist ansonsten – bis auf die verbindlichen Wochenendseminare - frei.

Mögliche Themen und der Ablauf eines Seminars werden von den Dozent*innen zu Beginn der Kurse vorgestellt und mit den Studierenden diskutiert.

Das Programm kann im Laufe des Studienjahres zusammen mit den Studierenden modifiziert werden. Die Seminare können weitere Lehrveranstaltungen planen und vorbereiten, die für das Seminar selbst oder in Absprache mit der Leitung für das ganze Haus gedacht sind:

  • Wochenendseminare
  • dichte Folge von Sitzungen (Blocksitzungen)
  • Fachvorträge von Wissenschaftler*innen mit anschließender Diskussion (Kolloquien)
  • Diskussionsabende für das ganze Haus (Plena)
  • Theaterbesuche, Filme
  • Exkursionen
  • Interdisziplinäre Projekte.

Vorschläge und Initiativen von Studierenden sind dabei unbedingt notwendig.

Eine von den Studentinnen und Studenten zu Beginn des Studienjahres gewählte Kommission unterstützt die Leitung bei der Weitergestaltung und -organisation des Studienprogramms, vor allem bei der Projektwoche und den Vorträgen im Sommersemester.

Die Teilnahme aller Kollegiat*innen an den Veranstaltungen des Leibniz Kollegs (Seminare, Arbeitskreise, Kolloquien, Wochenendseminare, Vorträge) ist obligatorisch.

Die Erhaltung der Kontinuität und die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppen erfordern, dass die Mitglieder jedes Seminars sich zu regelmäßiger Anwesenheit und aktiver Mitarbeit verpflichten.

Die Termine der Semester und alle Ferientermine sind für alle gleichermaßen verbindlich.

Semesterarbeiten

Im Winter- und Sommersemester hält jede und jeder in den gewählten Seminaren mindestens ein Referat oder gestaltet eine Stunde.

Jede und jeder Studierende verfasst im Wintersemester zwei schriftliche Arbeiten. Die erste Semesterarbeit sollte einen Umfang von ca. 10 bis 15 Druckseiten haben und kann zum Beispiel auf einem gehaltenen Referat aufbauen oder aber ein neues Thema behandeln. Die zweite Semesterarbeit, die ein klar umschriebenes Einzelthema aus dem Themenbereich der Seminare des Kollegs zum Gegenstand hat, sollte einen Umfang von 25 Druckseiten nicht überschreiten. Entsprechende Themenvorschläge werden die Dozent*innen bekanntgeben. Auch hier sind in den meisten Seminaren die Ausarbeitungen eigener Fragestellungen möglich. Vor einer endgültigen Entscheidung sollten die Themen mit den Seminarleiter*innen besprochen werden. Die Arbeiten, die zum Jahresthema geschrieben werden, eignen sich natürlich zur Präsentation egal welcher Art für die Abschlussveranstaltung.

Alternativ kann auch eine einzige, jedoch umfangreichere schriftliche Arbeit angeferigt werden, um sich über eine längere Zeit intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Im Sommersemester schlägt die Seminarleitung auf Wunsch ebenfalls Themen vor; die Abfassung einer Arbeit ist jedoch nicht obligatorisch, sie bleibt den einzelnen freigestellt.

Die Semesterarbeiten werden korrigiert und ausführlich besprochen, aber nicht benotet. Es gibt am Leibniz Kolleg keine Prüfungen. Das  Interesse aller am gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten und Leben ist für das Gelingen eines Studienjahres eine notwendige Voraussetzung.

Die verbindlichen Abgabetermine für die Semesterarbeiten werden bekanntgegeben.

Am Ende des Wintersemesters findet in der ersten Märzwoche, soweit es die Corona-Situation zulässt, eine Studienreise nach Rom statt. Ein Seminar wird diese Reise vorbereiten.

Am Ende des Sommersemesters findet eine selbst gestaltete und zusammen mit der Leitung geplante Studierendenkonferenz statt.

Jahresthema

„Solidarity is always an active achievement, the result of active struggle to construct theuniversal on the basis of particulars/differences.“

Chandra Talpade Mohanty, Feminism withoutBorders: Decolonizing Theory, Practicing Solidarity, 2003

„Die Erfahrung von Solidarität löst kein Problem, sondern stellt eine Frage. Die Frage, der man, wenn man Albert Camus folgt, nicht entgehen kann: Wofür lohnt es sich zu leben?“

Heinz Bude, Solidarität, 2019

„(…) dass solidarisches Handeln gerade nicht eines ist, das ausschließlich unter „Gleichen“ oder als „gleich“ Erachteten stattfindet, sondern Differenzen und Distanzen überbrückt: Eine Praxis also, die (…) auch diejenigen im Blick hat, die nicht oder noch nicht zu der Eigengruppe dazugehören. Und eine Praxis, in der idealerweise Menschen nicht nur für andere handeln, (…) sondern mit anderen – im gemeinsamen Austausch von Positionen und Perspektiven, um auf dieser geteilten Grundlage auch gemeinsam Ziele verfolgen zu können.“

Stephan Lessenich, 2020

LIEBE KOLLEGIAT*INNEN,

„Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen (…), 92 Prozent, sind der Meinung, die Corona-Krise könne nur bewältigt werden, wenn die Menschen in Deutschland solidarischer miteinander umgehen; 7 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu“, so der Deutschlandtrend der ARD am 1. Oktober 2020. Irgendwie scheinen wir zu wissen, was solidarisches Handeln heißt, vor allem aber, darin ähnelt Solidarität der Gerechtigkeit, wir erkennen sehr klar das, was unsolidarisch ist. Wir können Solidarität erfahren, wir können solidarisch handeln. Aber was heißt Solidarität und solidarisch sein eigentlich?

In der Coronakrise wurde und wird dieser Begriff oft appellativ benutzt. Die Solidarität der Jüngeren mit den Älteren und ein rücksichtsvolles Verhalten wird verlangt. In der Klimakrise wird die Solidarität der Älteren mit den Jüngeren und kommenden Generationen eingefordert. Dem zugrunde liegt, dass Gesellschaft irgendwie als ein Ganzes erfahren und von einem (inneren) Zusammenhalt ausgegangen wird. Von einem Gefühl gegenseitiger Verbundenheit? Und in Krisenzeiten wie der aktuellen wird dann normativ an Hilfeleistungen appelliert. Eine Gemeinschaft fühlt sich in der Regel verpflichtet, Gruppen und Einzelne mit Hilfeleistungen zu unterstützen.

Solidarität hat also immer etwas mit (gemeinsamer) Praxis zu tun, mit Handeln.

Ist Solidarität eine Haltung, eine Tugend der einzelnen Individuen? Ist sie eine Idee, eine Kategorie, ein Prinzip, oder nur ein rechtliches (Tausch)Verhältnis?

Oder ist sie eine Methode, im wörtlichen Sinne von: ein Weg, zu einer humaneren gerechteren Gesellschaft?

Und schließlich, ist Solidarität eine kritische Kategorie, die, wie der Theologe Metz schon vor vielen Jahrzehnten schrieb, eine „Kategorie des Beistands, der Stützung und Aufrichtung des Subjekts angesichts seiner akuten Bedrohungen und Leiden“ sein soll? Und was folgt daraus für politisches Handeln, für eine zeitgemäße Ethik, für den Umgang mit unserer Geschichte, was für zivilgesellschaftliche Zukunftsentwürfe?

In welchen Gesellschaftsbereichen spielt Solidarität eine Rolle? Wo, in welchen Zusammenhängen, in welchen wissenschaftlichen, in welchen privaten, in welchen politischen und sozialen Zusammenhängen wird über Solidarität gesprochen, wird sie erfahren, gelebt, gefordert, abgelehnt, ist sie notwendig und unverzichtbar? Ist der Diskurs über Solidarität nicht oft ein Feigenblatt?

Wem gilt Solidarität?

Und vor allem: wem gilt sie nicht?

Wie sind globale Strukturen mit der Kategorie Solidarität zu analysieren und zu verändern?

Kann man Menschen zur Solidarität erziehen? Wie entsteht sie? Kann man sie erzwingen? Staatlich verordnen?

Was heißt Solidarität ganz praktisch in einer kleinen Gruppe, die zusammenlebt - wie Ihr am Leibniz Kolleg - und was heißt sie für die Gruppe über die engere Gruppe hinaus?

Sich mit Solidarität in eurer Gruppe, die ihr eng zusammenlebt, zu beschäftigen, heißt, zu fragen: Wie wollen wir zusammenleben, auch und gerade jetzt in der Zeit von Corona? In eurer Gruppe, die auch gemeinsam wissenschaftlich arbeitet, heißt es zu fragen: Wie kann man das Phänomen Solidarität beschreiben, welche Wissenschaften oder auch politischen Bewegungen versuchen es zu beschreiben, zu analysieren, zu klären, neu mit Bedeutung zu füllen?

Die Beschäftigung mit aktuellen Solidaritätsformen und mit Theorien über Solidarität und deren Prämissen soll im genauen kritischen Wahrnehmen von Wirklichkeiten, um Diagnose, um Analyse des Vorhandenen, um Auseinandersetzung mit theoretischem und praktischem Wissen bestehen. Passiert das nur in den Gesellschaftswissenschaften, in der Philosophie, in der Pädagogik, in den Rechtswissenschaften? Was haben die Naturwissenschaften und die Künstliche Intelligenz Forschung dazu zu sagen? Was die Anthopologie, Psychologie, Geschichte? Was die Künste? Und was die Religionen und Theologien? Und ganz aktuell konkret: Was die politischen Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future?

Verändert sich die Bedeutung von Solidarität gerade? Wird der Begriff durch andere ersetzt, ergänzt?

Und welche Fragen schließen an die Frage nach Solidarität an?

Auf welche großen Fragen also verweist die Frage nach Solidarität? Auf das, wie Heinz Bude, Camus zitierend, in seinem Buch hinweist, wofür es sich zu leben lohnt? Und damit auch auf das, was „Leben“ heute heißt? Auf das, was „Menschsein“ heißt?

Wie wollen, wie können wir also ganz konkret im Kolleg leben angesichts des folgenreichen Klimawandels, der globalen sozialen Verwerfungen durch unerträgliche Ungleichheiten, der Gefährdung von Demokratien durch Populismus? Angesichts unserer eigenen folgenreichen Verstrickungen und Abhängigkeiten? Wie sind die Transformationen der Gesellschaften und der Wirtschaft solidarisch zu schaffen? Und wie soll das aussehen, wie kann das gelingen?

Das kritische Fragen und das Nachdenken über Solidarität zielen auf eine Transformation von Gesellschaft hin. Eine Transformation, die, will man sie mitgestalten, auch historisch verstanden werden muss, und die immer wieder neu aus unterschiedlichen Perspektiven entworfen, kritisch hinterfragt und praktisch erarbeitet werden muss.

Das Thema Solidarität. Zukunft soll anregen, eigene wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln, gesellschaftswissenschaftliche, naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Perspektiven kritisch auf unsere Gegenwartsgesellschaft einzunehmen und miteinander zu verbinden in den gemeinsamen Versuchen, radikal aufklärerisch Antworten auf die Fragen zu suchen, die uns alle beschäftigen. Und so nicht in einer Kritik des Vorhandenen zu verharren, die, wenn sie allzu schnell nur von apokalyptischen Bildern begleitet wird, ebenso lähmt, wie das Aufrufen idyllischer Bilder von Solidarität, die den Blick verstellen auf gesellschaftliche und globale ökonomische und politische Strukturen.

Es gilt stattdessen durch Phantasie neue Orientierungen zu suchen und gemeinsam Vertrauen in politisches und wissenschaftliches Handeln zu stärken.

Es gilt so also auch, eigene Erfahrungen von Solidarität und gesellschaftlichen Handelns zu reflektieren, theoretische und praktische Probleme zu erkennen, sich in sie zu vertiefen und zu bearbeiten, alleine oder gemeinsam.

So können grundlegende Reflexionen über und kritisches Denken zu den oben genannten Fragen in den Fachseminaren, in der künstlerischen Praxis in den musischen Fächern, in intensiven Gesprächen und Auseinandersetzungen im Alltagsleben der Kollegsgemeinschaft verknüpft werden, die gegenseitige Verstärkung von wissenschaftlichem und musischem Studium generale mit dem Studium Sociale so ermöglicht und verwirklicht werden.

In der Projektwoche im Sommersemester können zu einem engeren Thema nochmal übergreifende Zusammenhänge beforscht, durchdacht und interdisziplinär methodisch und inhaltlich angemessen thematisiert werden.

Auf der selbstorganisierten und selbstkonzipierten Studierendenkonferenz, dem inhaltlichen Abschluss des Studienjahres Ende Juli, werden dann Eure Arbeiten, Werkarbeiten und Ergebnisse vorgestellt.

Wir wünschen Euch und uns ein gutes Gelingen des Studienjahres und des Zusammenlebens am Leibniz Kolleg und Euch allen ein schönes Jahr in Tübingen in der Brunnenstraße.