Songschreiben-Workshop mit Sarah Lesch vom 06.07. bis 07.07.26
Es gibt keinen besseren Ort, um über Musik und Kreativität zu sprechen, als den Club Voltaire. Kreativität entsteht nicht durch KI-Prompts oder im Internet, sondern mit Stift und Papier. Deshalb setzten sich am 6. und 7. Juli neun Studierende im Club Voltaire zusammen, um von der deutschen Songwriterin Sarah Lesch zu lernen, die aus Leipzig nach Tübingen gekommen ist.
Sarah Lesch kam mit Anfang zwanzig mit ihrem Sohn nach Tübingen. Die gelernte Erzieherin fand nach dem Verlust eines geliebten Menschen zum Schreiben von Liedtexten. Das Schreiben ließ sie über mehrere Jahre nicht los, bis sie das Risiko einging, sich selbstständig zu machen. Die junge Mutter veröffentlichte 2012 ihr erstes Album und lebte zwölf Jahre von der Musik. Sie spielte auf diversen Festivals und veröffentlichte sieben Alben.
Am ersten Tag des Workshops ging es zunächst einmal darum, dass jeder seine Haltung zum kreativen Prozess findet. Kunst und Kreativität entstehen häufig zwischen Gefühlen und Verwirrung. Das macht Künstler sensibel und gelegentlich auch unsicher. Unsicherheit ist die größte Hürde für Kreativität. Sarah weiß, dass sie unperfekt ist. Ihr Leben war holprig und verwirrend, und daraus sind Worte entstanden, die sie stützen und den Menschen, die ihre Musik hören, das Gefühl geben, gehört zu werden. Die Studierenden brachten ein leeres Notizbuch mit in den Workshop. Es soll als Safe Space dienen, in dem die Studierenden schreiben können, was sie möchten, ohne etwas löschen zu müssen. Was heute vielleicht keinen Sinn ergibt, kann in fünf Jahren mit dem Musikschaffenden auf andere Art resonnieren. Am Ende entsteht ein komplett neuer Song, der vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Zu Beginn des Notizbuchs sollen die Studierenden einen Satz schreiben, der ihre Haltung widerspiegelt. Ein möglicher Satz könnte lauten: „Wenn du den Weg schon kennst, ist der Weg eines anderen.“
Sarah zeigt den Studierenden mit ihrer Musik, dass Kunst dazu da ist, sich selbst zu überraschen, und dass Kreativität einen in unerwarteten Momenten überrollt und man ihr dann Raum geben muss, um sich zu entfalten. Dabei kann es passieren, dass es schwerfällt, Musik und Text zu verbinden. Gute Lieder entstehen durch ein Gleichgewicht zwischen Sprache und Musik. Oft ist es so, dass der Text zu viel für die vorgestellte Melodie ist oder die Melodie zu intensiv für den Text. Sarah rät, mit anderen Musikern zu arbeiten, die dann auch zu dem Text bzw. der Musik improvisieren können. Selbst wenn dabei Musik entsteht, die nicht ins Raster passt – wie zum Beispiel ein zehnminütiger Song –, heißt das nicht, dass der Song nicht perfekt funktionieren kann. Was die Studierenden am ersten Tag des Workshops lernten, war, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und zu verurteilen. Es braucht Leichtigkeit, um einen Song zu schreiben, der eine persönliche Geschichte erzählt und Lust auf mehr macht.
Am zweiten Tag des Workshops hatten die Studierenden die Möglichkeit, eigene Stücke zu schreiben. Zusammen mit Sarahs Gitarristen standen sie auf der Bühne des Club Voltaire und präsentierten stolz die Werke, die am Tag zuvor noch von ihnen selbst schlechtgeredet wurden. Sarah sprach außerdem über die Musikbranche im Allgemeinen und betonte dabei, wie wichtig es ist, sich selbst und die Gefühle anderer zu schützen. Wer Kunst macht und sich der Öffentlichkeit präsentiert, macht sich verletzlich. Dies wird häufig von Fremden aus dem Internet ausgenutzt. Es gibt Strategien, sich und seine Mitmenschen zu schützen, doch Sarah erzählt auch von vielen negativen Erfahrungen, die sie in der Branche gemacht hat. Sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen, und gab den Studierenden Ratschläge, wie sie es selbst schaffen können.
Lieder zu komponieren und Lyrics zu schreiben bedeutet, sich zu öffnen und sich teilweise auch mit schmerzhaften Emotionen auseinanderzusetzen. Ein selbst geschriebener Text, ein selbst geschriebenes Lied, kann von niemandem so gespielt werden wie vom Schreiber. Dieses Lied lebt für immer. Wenn man diesen Safe Space allerdings schaffen kann, kann daraus ein Ort der Freiheit entstehen, den einem niemand nehmen kann.