Uni-Tübingen

Élisée Dion, M.A.

Kollegiat

Anschrift Büro

Universität Tübingen
Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen“
Gartenstraße 19
72074 Tübingen

Telefon

+49 (0) 7071 29-77385

Raum 202
E-Mail

elisee.dionspam prevention@uni-tuebingen.de

Akademischer Werdegang

09/2005 – 07/2010

Studium der mittelalterlichen Geschichte (M.A.) Université de Reims Champagne-Ardenne

10/2009 – 09/2010 Auslandsstudium im Rahmen des

ERASMUS-Austauschprogramms an der

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

10/2010 – 03/2013 Studium der Editionswissenschaft (M.A.)

Freie Universität Berlin

Berufliche Stationen

04/2012 – 07/2012

Praktikum in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (Handschriftenabteilung)

Aufstellung eines Verzeichnisses von frühneuzeitlichen französischen Handschriften aus der Bibliothek des Kardinals Mazarin (Ms gall fol 1-60)

06/2013 – 11/2013 Wissenschaftliche Hilfskraft bei Dr. Jürgen Geiß-Wunderlich im Rahmen des Katalogisierungsprojekts der mittelalterlichen Handschriften der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, durchgeführt im Zentrum für Handschriftenkatalogisierung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Seit 04/2014 Kollegiat im DFG-Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800-1800)“ an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Wissen gestalten und vermitteln: Die figurativen Traditionen der »Image du monde« von Gossuin de Metz (13.-15. Jahrhundert)


Die Image du monde ist die erste auf Französisch geschriebene Enzyklopädie, deren Abfassung Gossuin de Metz zugeschrieben wird, der vermutlich ein mit dem geistlichen Milieu von Paris vertrauter Kleriker aus Lothringen war. Drei Versionen des Textes aus dem 13. Jahrhundert wurden überliefert. Die erste Version (A) besteht aus einem ca. 6600 achtsilbige Verse umfassenden, dreiteiligen Werk und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach 1246 geschrieben. Die zweite Redaktion (B), um fast 5000 Achtsilber ergänzt und in zwei Bücher unterteilt, entstand erst ein paar Jahre später, vermutlich schon ab 1248. Die Version A wurde häufiger überliefert als die Version B – in 73 gegenüber 24 erhaltenen Manuskripten. Die dritte Version (P), ist eine Prosafassung der Version A, deren Struktur und Inhalt sie treu übernimmt. Diese Version P ist ebenfalls in der Mitte bzw. in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschrieben worden. Ungefähr zehn Manuskripte dieser Version haben sich erhalten. Eine vierte Fassung (H) ist noch zu erwähnen, die als Unikat gilt (British Library, Harley 433). Diese Version H liegt der Redaktion B sehr nah und ist mit einem langen Prolog versehen. Die Frage der Autorschaft, ob einer oder mehrere Autoren daran schrieben, spaltet die Philologen in zwei Lager und scheint aus verschiedenen Gründen unlösbar. Die Image du monde fand im Spätmittelalter große Verbreitung, wie die über hundert erhaltenen Manuskripte beweisen. Sie wurde ins Englische, Hebräische und Jiddische übersetzt. Die englische Übersetzung der Image du monde durch den Londoner Drucker William Caxton stellt die erste in England gedruckte illustrierte Inkunabel dar (1481), der zwei weitere Drucke folgten (1490 und 1527). Die Image du monde wurde auch in Frankreich mehrmals gedruckt (ca. 1490, 1501, 1517 und 1520). Diese breite Rezeption und der innovative Charakter der Image du monde bezeugen schon ihre Bedeutung für die Erforschung des mittelalterlichen Enzyklopädismus und für die Verbreitung eines geistlichen und wissenschaftlichen Wissens in die weltlichen Schichten der vormodernen Gesellschaft. Dazu verleiht eine inhaltliche Besonderheit diesem enzyklopädischen Werk noch mehr Wert: Zahlreiche wissenschaftliche Schemata mit insbesondere geographischen, astronomischen und kosmischen Inhalten, die vermutlich vom Autor selbst stammen, ergänzen die ursprüngliche Konzeption des Werkes. Diese ganz außergewöhnlichen Schemata, deren Anzahl je nach Version und Ausfertigungsaufwand zwischen 23 und 30 variiert, sind in den Manuskripten belegt. Das Schema wird hier nicht als figurative Übersetzung des Textes verstanden, sondern ist eher als ergänzender Darstellungsmodus einer res bzw. eines Phänomens anzusehen, das sich von der textuellen Ekphrasis unterscheidet. Es soll den Betrachter anleiten, eine höhere Wahrnehmungs- und Verständnissphäre zu erreichen und ihm die Verortung und Einbeziehung von Wissen ermöglichen. Innerhalb des Wissenstransfers übernehmen die Schemata eine didaktische Funktion und sollen einem weltlichen und volksprachlichen Publikum den Zugang zu einem geistlichen und lateinischen, also fremden Wissen, erleichtern. Zu diesen didaktischen Schemata treten gelegentlich figurative Bilder hinzu, die von großer Bedeutung für die Überlieferung und die Rezeption sowie die Wahrnehmung und Benutzung der Image du monde sind, selbst wenn sie nicht an ihre ursprüngliche Konzeption anschließen. Diese Miniaturzyklen verzieren 17 Manuskripte der Gesamtüberlieferung der Image du monde. Diese 17 Manuskripte, die sowohl schematische als auch illustrierte Bilder enthalten, bilden den Kern meines Quellenkorpus. Diese aus Schemata und Miniaturen konstituierte Ikonographie ist eine erstrangige Quelle, aus der zahlreiche volksprachliche Enzyklopädisten und Buchmaler für ihre eigenen Zyklen geschöpft haben, wie z.B. Brunetto Latini für sein Livre du Tresor (1260-66), der viele Schemata bzw. Miniaturen aus der Image du monde übernahm, besonders im astronomischen Teil seines Werkes. Meine Promotionsarbeit beschäftigt sich mit der schematisch-ikonographischen Tradition, dem an Laien gerichteten Wissenstransfer sowie den didaktisch-kognitiven Funktionen der Bilder in der Image du monde. Das Arbeitsvorhaben besteht aus zwei parallel verlaufenden und sich ergänzenden Untersuchungsfeldern. Ein erster Teil widmet sich der Bestimmung der schematisch-ikonographischen Traditionen dieses für den volkssprachlichen Enzyklopädismus wesentlichen Werkes sowie der Analyse von dessen Entstehung und Überlieferung. Der zweite Teil soll die Bilder in ihren medialen und sozio-kulturellen Kontexten verorten, die an den Begriff von »didaktischen Transposition« bzw. »Wissenstransfer« anschließen. Diese zweite Phase soll erstens versuchen zu umreißen, welche Funktionen den Bildern innerhalb dieser didaktischen Transposition zukamen, die sich an ein breiteres und volkssprachliches Publikum richtete. Zweitens soll die Art und Weise, wie dieses Wissen durch das Bild wahrgenommen und angeeignet wurde, einen Schwerpunkt der Untersuchung bilden. Im Projekt sollen Aspekte untersucht werden, die noch kaum Resonanz in der Forschung über mittelalterliche Enzyklopädien und ihre weltliche Rezeption gefunden haben: Es umfasst die Erschließung einer grundlegenden enzyklopädischen Ikonographie und die historische Analyse der Vermittlungs- und Erwerbungstechniken einer teilweise neuen Wissensform durch die Anwendung von Bildern. Die Image du monde, die zum einen die erste volksprachliche Enzyklopädie des Mittelalters ist und darüber hinaus in allen Wissenssparten mit Schemata ausgestattet wurde, die der Sprache als gleichwertig an die Seite gestellt sind, bietet ein hervorragendes Forschungsfeld, um die Entwicklung des Wissenstransfers zwischen der geistlichen Sphäre und der weltlichen Elite im Spätmittelalter zu untersuchen.