Uni-Tübingen

Jana Pacyna Dr. des.

Kollegiatin/Post-Doc

Anschrift Büro:

Heidelberger Akademie der Wissenschaften

WIN-Kolleg „Messen und Verstehen der Welt“

Nachwuchsforschergr. „Zählen und Erzählen“

Karlstr. 4

69117 Heidelberg

Telefon:+49 (0) 7071/29-78064
E-mail:jana.pacynaspam prevention@uni-tuebingen.de

Akademischer Werdegang

10/1998 – 08/2004 Studium der Mittleren/Neueren Geschichte und Kunstge-schichte (M.A.)
Universität Leipzig
10/2001 – 10/2002 Studium an der Faculté de Philosophie et Lettres
Université libre de Bruxelles
02/2008 – 03/2012 Promotion: „Mittelalterliches Judenrecht – Status der Ju-den im Sächsisch-Magdeburgischen Recht (13./14.Jhr.)“
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Berufliche Stationen

09/1995 – 08/1998 Ausbildung zur Handwerksbuchbinderin
Deutsche Nationalbibliothek/Deutsche Bücherei Leipzig
08/2002 – 09/2002 Praktikum im Universitätsarchiv Leipzig
Michael Schilling und Johann Anselm Steiger
10/2002 – 03/2003 Projektarbeit zur Ausstellung „Der Architekt Friedrich Ohmann 1858-1927“ (Kustodie Universität Leipzig)
02/2004 – 03/2004 Praktikum in der Studiensammlung/Kustodie der Univer-sität Leipzig
06/2004 – 12/2007 Projektarbeit in der Unternehmensgeschichte der Sparkas-se Leipzig – konzeptionelle und inhaltliche Erarbeitung einer sparkassenhistorischen Ausstellung, Organisation Ausstellungsarchitektur, Öffentlichkeitsarbeit zum Pro-jekt, Aufbau des Historischen Archivs
02/2008 – 03/2012 Doktorandin im Graduiertenkolleg 1402 „Menschenwürde und Menschenrechte“

04/2010 –

03/2011

Mutterschutz und Elternzeit

04/2012 –

12/2014

Postdoktorandin/Wiss. Mitarbeiterin am GrK 1662 „Religiöses Wissen“

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Ab 01/2015

Eigene Stelle am WIN-Kolleg

Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Geschichte (er)zählen?–

Netzwerkanalyse als Methodik der Geschichtswissenschaft. Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel Anselms von Canterbury im Spannungsfeld der englischen Investiturkonflikte (1070-1109)

Geschichte(n) ,erzählen‘ anhand tradierter Texte und Artefakte, die quellenkritisch eingeordnet und inhaltsanalytisch aufgearbeitet werden – dies beschreibt in Kürze das genuin methodologische Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft. Dem Vorwurf des Konstruierens von Geschichte aufgrund einer lückenhaften Quellenüberlieferung und der Subjektivierung von Quelleninhalten im Zuge ihrer Interpretation versuchte man mit diversen Verfeinerungen der Methodik bspw. über die kontextuelle Einordnung von Informationen zu begegnen. Mit einer Vielzahl von Disziplinen hat man kooperiert, um Theorien und Methoden zu entwickeln, die die Geschichtswissenschaft näher an das Ideal des ,Objektiven‘ heranführt. Unter anderem experimentieren Geschichtswissenschaftler heute mit Formen der Quellenbearbeitung, die im ,Zählen‘ von Quelleninhalten einen Abstraktionsprozess implizieren, der als Chance aber auch als Gefahr begriffen wird.

In der so genannten ,Historischen Netzwerkanalyse‘ verschränken sich quantitative und qualitative Methoden in ganz besonderer Weise. Netzwerkforscher erheben nicht etwa den Anspruch, mit Hilfe der Netzwerkanalyse eine irgendwie geartete Realität abzubilden, sondern ausreichend Daten zu sammeln, systematisieren und analysieren, um generelle Muster und Entwicklungstendenzen zu erkennen, anhand derer Zustandekommen, Funktionsweise, Veränderung und Bedeutung von Netzwerkbeziehungen (in Bezug auf Handeln, Wort, Werte) sowie die Positionierung der Akteure darin, studiert werden können. Dabei stützen sie sich eben nicht nur auf quantitative Zugänge; sondern greifen sowohl im Prozess der Datenerhebung als auch bei Auswertung der Graphen und numerischen Indikatoren auf qualitative Methoden zurück.

Forderungen nach einer systematischen Bearbeitung von interpersonalen oder auch anders gearteten Beziehungsgeflechten – wie Begriffs-, Zitations-, Text-, Organisations- und Waren-netzwerken – anhand historischen Quellenmaterials sind in der Forschungsliteratur der letzten Jahre mehrfach formuliert worden. Frühen Netzwerkanalysen (1980er Jahren), die mit historischen Quellen arbeiteten, wurde noch berechtigterweise vorgeworfen, jegliches Ereignis auf Strukturen zurückzuführen und damit die Handlungsfähigkeit der Akteure sowie kulturelle Normen völlig zu ignorieren. Netzwerkmodelle wurden als lediglich graphische Darstellungen von Beziehungen, die man aus Kontext und Zeit gerissen hatte, problematisiert. Doch sowohl Software als auch Netzwerktheorien wurden seitdem erheblich weiterentwickelt; Datenerhebung, Matrizenbestückung und Datenanalyse schließen nun auch Interaktionen mit Akteursattributen, Verhaltensweisen, Kultur und historischen Ereignissen ein. Dabei minimiert der systematische Zugriff nicht nur die Gefahr der Beeinflussung durch Vorannahmen in den Quellen oder tradierte Interpretationen im Forschungsdiskurs. Die softwaregestützte Netzwerkanalyse lässt auch die Verarbeitung enormer Datenmengen bei gleichzeitiger Reduktion von Komplexität zu und ermöglicht somit deren Interpretation und die Bestimmung signifikanter Muster. Arbeitet man mit Zeitschnitten können Hinweise auf strukturelle Veränderungen der dynamisch aufgefassten sozialen Netzwerke sichtbar werden, wie bspw. Isolation und Integration von Akteuren oder Zusammenwachsen oder Zerfall eines Beziehungsgeflechts.

Im hier vorzustellenden Forschungsprojekt soll den Möglichkeiten und Grenzen der netzwerkanalytischen Methodik exemplarisch anhand der Erarbeitung von Genese, Gehalt und Wirken der theologischen und kirchenpolitischen Positionen Anselms von Canterbury im englischen Investiturkonflikt von 1093-1107 nachgegangen werden. Seit langem wird in der deutsch-, vor allem aber der englischsprachigen Forschung ein heftiger Diskurs um das kirchenpolitische Wirken Anselms und den Verlauf der (noch untererforschten) Investiturkonflikte Englands geführt. Die Thesen reichen von einer heldenhaften Überhöhung des theologisch-philosophisch und damit auch zwangsläufig kirchenpolitisch brillanten und dem König überlegenen Erzbischofs bis hin zur umfassenden Abwertung des kirchenpolitischen Wirkens eines im Investiturstreit völlig überforderten Primas der englischen Kirche

Das Grundproblem dieses Forschungsdiskurses liegt in der weitgehenden Betrachtung An-selms als historische Einzelperson. An dieser Stelle muss der methodische Zugriff dergestalt geändert werden, dass Anselm als Teil (s)eines Geflechts sozialer Bindungen erfahrbar wird, die für ihn gleichermaßen Einflusssphäre sowie werte- und handlungsbestimmende Orientierungshilfe waren. Die Rahmenbedingungen des Transfers und der Transformation von ,religiösem Wissen‘ und die Genese kirchenpolitischer Positionen im sozialen Umfeld Anselms sollen daher mit Hilfe der in der Geschichtswissenschaft noch relativ neuen Methodik der historischen Netzwerkanalyse erstmals näher untersucht werden.