Uni-Tübingen

Julia Ulrike Gaus, M.A.

Kollegiatin

Anschrift BüroUniversität Tübingen
Graduiertenkolleg 1662 "Religiöses Wissen"
Liebermeisterstraße 12
72076 Tübingen

Telefon+49 (0) 7071/29-77017
E-Mailukg-infospam prevention@uni-tuebingen.de

Akademischer Werdegang

2008-2011 Bachelorstudium der Ägyptologie (Hauptfach) und Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters (Nebenfach) an der Universität Tübingen
2011-2013 Masterstudium der Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen mit der Abschlussarbeit "Die koptischen Hochkämme im Frühmittelalter Ägyptens"
04/2014-vorauss. 06/2017 Promotion in der Archäologie des Mittelalters unter der Betreuung der Professoren Jörn Staecker, Steffen Patzold und Markus Thome

Berufliche Stationen

2009-2013

Archäologische Ausgrabungspraktika in Deutschland und Israel

03/2013 Praktikantin im Koptischen Museum zu Kairo
Seit 04/2014 Kollegiatin im DFG-Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800-1800)“

Vorträge

01.2016 Tübingen: "Reliquiare und Reliquien - religiöses Wissen in ästhetischer Form und ritueller Verwendung"
Mitorganisation der Tagung und Teilnahme mit dem Vortrag: "Byzantinische Enkolpien und die Untersuchung ihrer Kontexte."
05.2016 Erlangen: "Das Schönste ist auch das Heiligste" – Ästhetische Aspekte des Heiligen in den mittelalterlichen Bildkünsten und der islamischen Kalligraphie"
Teilnahme mit dem Vortrag: "Bild, Text, Form und Reliquie – ein Zusammenspiel? Zu byzantinischen Enkolpien des 8.-13. Jahrhunderts."
10.2016 Rom: Jahrestagung des GrK 1662 Mitorganisation der Tagung und Teilnahme mit dem Vortrag: "Vermittlung von religiösem Wissen – das Hildesheimer Enkolpion und seine oströmischen Vorbilder."
10.2016 Kiel: Studientag der Kunstgeschichte Teilnahme mit dem Vortrag: "Das Hildesheimer Enkolpion und seine byzantinischen Vorbilder."

„ΚYΡΙE ΒΟΗΘΕΙ ΤꙌ CꙌ ΔΟΥΛꙌ“ Herr, hilf deinem Diener!

Zum Kontext von Bild, Text und Form auf byzantinischen Enkolpien des 8.–13. Jahrhunderts.

Beim Enkolpion handelt es sich um einen Zieranhänger, welcher Amulettcharakter besitzt, Reliquien enthalten kann, und der zugleich mit Heilbildern und -zeichen verziert ist. Diese stellen oft verkürzte Darstellungen komplexer ikonographischer Bildprogramme, die zumeist biblischen Geschichten oder Sagen über Heilige entstammen, dar.

Das geplante Dissertationsvorhaben wird sich mit Reliquienanhängern vom 8. bis 13. Jahrhundert aus dem östlichen Mittelmeerraum beschäftigen. Ausgangspunkt sind dabei teilweise schon vorliegende Inventararbeiten (Pitarakis: 2006), welche mit erweiterten Fragestellungen und einer umfassenden Inventarisierung in vorliegender Arbeit weitergeführt werden soll.

Ziel des Dissertationsprojektes ist eine kontextbezogene Gesamtanalyse des Enkolpions als Träger geistiger Vorstellungen, welche sich aus dem Offenbarungswissen und dem religiösen Wissen zusammensetzen.
Das Enkolpion stellt in zweifacher Hinsicht ein Medium religiösen Wissens dar: Zum einen tradiert es bildliche Darstellungen, zum anderen ist es in der Regel mit Inschriften versehen. Das vollendete Enkolpion kann sowohl formal-ästhetische als auch konzeptionell-inhaltliche Wissensbereiche aufzeigen. Eine interdisziplinäre Untersuchung bietet sich somit an, wodurch einerseits die Ermittlung des religiösen Wissens der Gestalter /Auftraggeber /Träger /Rezipienten ermöglicht wird und andererseits auch die Aufzeigung des Dynamisierungsprozesses von Aneignung, Transfer und Transformation. Des Weiteren soll die Verwendung der Objekte in der Liturgie oder als Insignien bestimmter Personen oder Ämter untersucht werden.

Die Rezipientenkreise werden durch den Grad der Mannigfaltigkeit der ikonographischen Programme und der Komplexität der Inschriften differenziert. Bei einem anspruchsvollen Text-Bild-Verhältnis hat man wohl mit sachkundigen Gestaltern (Ein Beispiel dazu findet sich bei The Glory of Byzantium: 1997, 170-171, Nr. 121) zu rechnen und damit mit einer Produktion für die Experten, schon allein aufgrund des finanziellen Aufwandes, der für die Artefakte betrieben werden musste. Das wiederum gibt Aufschluss über das religiöse Wissen jener. Ebenso sollten weniger komplexe Darstellungen und Objekte, die der „Massenproduktion“ (Ein Beispiel dazu findet sich bei Forrer: 1893, 17, pl. IX/11) zugeordnet werden können, schematisch bezüglich ihrer Ikonographie und ihrer Inschrift, die in der Regel simpel gehalten wurde, untersucht werden, um so das Wissen der Laien fassbar zu machen. Selbstverständlich ist es problematisch, eine Trennung, wie die oben genannte, unkritisch durchzuführen. Es wird auch Übergangszonen geben, die man möglicherweise nachweisen kann, indem man untersucht, wer diese Objekte trug und wer sie sehen konnte.
Auf diese Weise lässt sich eventuell auch die Bedeutung des Enkolpions für den Träger analysieren und inwieweit sich das religiöse Wissen der Träger vom Offenbarungswissen entfernt hat.
Zugleich gilt es hierbei verschiedene geistige Strömungen, sowie religiöse und weltliche Kenntnisse in Betracht zu ziehen, die es ermöglichen, bisher nicht verortete Enkolpien zu lokalisieren.

Zudem können die Enkolpien Auskunft über die Aneignung, den Transfer und der Transformation von religiösem Wissen geben.
Unter Aneignung hat man jede Realisierung von religiösem Wissen oder Offenbarungswissen auf dem Enkolpion sowie die Inszenierung des Enkolpions in der Liturgie zu verstehen. Sollte das Enkolpion während der Liturgie für die Gemeinde sichtbar sein, stellt sich die Frage, wie die Gemeinde die Gestaltung interpretiert, und inwieweit die Inhalte des Enkolpions während der Zeremonie verwirklicht wurden. Das Enkolpion kann aber auch als Quell religiösen Wissens für den Träger verstanden werden.
Ein Transfer von religiösem Wissen kann einerseits synchron aber auch diachron erfolgen. Ob ein Transfer vonstattenging, lässt sich zudem potentiell aus dem Vergleich verschiedener, auch kontroverser, Objekte ableiten.
Die Transformation religiösen Wissens kann möglicherweise in der Materialisierung von theologischen Zusammenhängen oder liturgischen Kontexten im Artefakt aufgezeigt werden. Insgesamt können so Angleichungsprozesse auch anhand der materiellen Kultur zugänglich gemacht werden.

Weiterhin lassen sich Wechselwirkungen und Grenzverschiebungen zwischen dem christlichen Glauben der Anhänger der Ostkirche und dem Islam untersuchen.